Die Bundespräsidentenwahl dieses Jahres steckt voller Ironien: Von den sechs Kandidaten, die zur Wahl standen, gab man zunächst fünf etwa die gleichen Chancen. Zwei unter ihnen wollten aber ohnehin nicht gewählt werden: Rudolf Hundsdorfer musste einfach seiner Partei einen Dienst erweisen, man merkte es ihm deutlich an, dass er keine persönliche Lust daran hatte. Auch Norbert Hofer trat nur aus Parteikalkül an, weil die FPÖ im Konzert der Großen mitspielen wollte. Damit, gewählt zu werden, rechnete er nicht. Ein Bundespräsident der eigenen Partei passt nicht ins Konzept der FPÖ und Heinz-Christian Straches.
Die ersten Umfragen änderten alles: Hofer musste es damals, kurz nach Jahresbeginn schon schwanen, dass er nicht ungeschoren davonkommen werde. Während von diesem Augenblick an die Sache für Hundsdorfer erledigt war, hatte Andreas Khol die Rolle eines der beiden Protagonisten in einem bürgerlichen Trauerspiel bis zum bitteren Ende zu geben.
EIN BÜRGERLICHES TRAUERSPIEL
Wieder einmal erlag ein Teil des Bürgertums dem verlockenden Trugbild des (einer) Unpolitischen. Bei manchem Abendessen in den besseren Wiener Kreisen gab es heftige Wortgefechte: Wenige Unverdrossene standen dazu, aus Prinzip die für sie einzig richtige Partei und den objektiv besten Kandidaten Khol zu wählen. Sie mussten sich vorhalten lassen, damit den Erfolg der anderen bürgerlichen Kandidatin Irmgard Griss zu sabotieren. Am Wahlabend standen dann beide als Verlierer da.
Hofer musste an jenem Abend des 24. April seine Lebensplanung ändern: Sechs oder womöglich gar zwölf Jahre in der Hofburg schienen nun unausweichlich geworden zu sein. Eigentlich hätte er viel lieber seine erfolgreiche politische Karriere fortgesetzt, die ihn wahrscheinlich bis an die Spitze der FPÖ und vielleicht noch weiter geführt hätte. Aber er ist Profi genug, um auch diese Wendung als Chance zu begreifen und führte einen entschlossenen Wahlkampf.
WEDER STRACHE NOCH HOFER DACHTEN DESHALB AUCH NUR IM ENTFERNTESTEN AN DIE ANFECHTUNG DER WAHL.
Dann passierte ihm das Glück, dass die vereinte Linke unter kräftiger Mithilfe traditionell FPÖ-phober bürgerlicher Wähler Alexander Van der Bellen zu einer knappen Mehrheit verhalf. Ein besseres Ergebnis hätte es für ihn und die FPÖ nicht geben können. Weder Strache noch Hofer dachten deshalb auch nur im Entferntesten an die Anfechtung der Wahl. Bei den FPÖ-Funktionären und -Anhängern war aber als Folge der Mobilisierung für die Wahl eine Stimmung entstanden, in der die knappe Niederlage als ungerecht erschien und der Kandidat als Opfer einer Verschwörung. Dazu trug auch eine im In- und Ausland geführte Kampagne bei, in Österreich müsse Europa vor dem Faschismus gerettet werden. Es entstand ein solcher Druck auf die Parteiführung, dass Strache und Hofer gegen ihren Willen und gegen ihr parteipolitisches Interesse die Wahlanfechtung proklamieren mussten.
P.S.: Ein sehr erfreulicher Teil des VfGH-Erkenntnisses ist die Untersagung der Weitergabe von Sprengel-Ergebnissen an den ORF und Meinungsforschungsinstitute noch vor dem offiziellen Wahlschluss im letzten Wahllokal von Wien. Diese ungesetzliche Praxis war eine eklatante Bedienung des ORF und Privatsender, die nach der ersten Hochrechnung ihr ganzes Programm auf der Basis des nahezu exakten Wahlausgang gestalten konnten. So als ob es ein Recht darauf gäbe, bereits um 17 Uhr zu wissen wie die Wahl ausgegangen ist. Nicht ändern lässt sich, dass die Parteisekretariate durch Anrufe ihrer Wahlbeisitzer bereits am frühen Nachmittag den präsumtiven Ausgang der Wahl wissen.