Blinde Flecken – Der unruhige Osten Deutschland

Die Wahrnehmung der Geschichte ist bei 17 Millionen DDR-Bürger ist so individuell, wie ihr Lebensweg. Es mag schwer sein, die Ursachen für die Befindlichkeiten der Personen vollständig zu beschreiben. Schwerer ist es, im Westen Deutschlands einen aufmerksamen Zuhörer zu finden. Schier unmöglich scheint es, die Geschehnisse der Wendezeit aus ostdeutscher Sicht zu diskutieren.

Anne Will lud am 17.09.2017 den DDR-Bürgerrechtler Frank Richter in die Sendung ein. Er gehörte in der DDR zu den Unzufriedenen und trieb die Wende mit persönlichem Einsatz voran. In dieser Sendung des ZDF lieferte er interessante Beiträge zu den Ursachen der heutigen Unzufriedenheit der Menschen im Osten Deutschland. Er berichtete davon, dass nach der Wende die erste, zweite und dritte Führungsetage in ostdeutschen  Unternehmen zu über 80% mit Personen aus dem Westen besetzt wurden. Die vornehmlich jungen Fachkräfte aus dem Osten wanderten auf ihrer Suche nach Arbeit in den Westen ab. Dort landeten jedenfalls nicht in den Führungsetagen. Legt diese Feststellung implizit nicht Zeugnis von einer systematischen Diskriminierung der Menschen aus dem Osten ab?

Rechtfertigungsdruck der DDR-Bürger

Gesine Schwan schilderte den permanenten Rechtfertigungsdruck, dem sich DDR-Bürger nach der Wende ausgesetzt sahen. Jeder DDR-Bürger war potentiell verdächtig, dem sozialistischen System gedient zu haben. Von den DDR-Bürgern wurde allerorten Rechenschaft über politische Aktivität und die politische Gesinnung eingefordert. Dabei hatten sich viele Menschen einfach nur mit dem System arrangiert, um in Frieden ihr Leben gestalten zu können. Nun wurden sie in „der freien Welt“ argwöhnisch beäugt. Sehen wir in diesen Begegnungen eine permanente und noch immer anhaltende Herabwürdigung der Menschen aus dem Osten?

Vielleicht ist es für die Gefühllage im Osten auch der rasante Anstieg der Einbruchs- und Drogenkriminalität relevant. Derartige Delikte gab es in der DDR kaum. Heute ist die Bedrohung allgegenwärtig. Über die offenen Grenzen kommen organisierte Banden, die sich am Eigentum der Bewohner bedienen. Sie entwenden Bau- und Landmaschinen, Werkzeug und Betriebsausstattung, Uhren, Schmuck und sonstige Wertgegenstände. Der Staat ist in diesen Regionen de facto nicht präsent. Es gibt viel zu wenig Polizei, die ein Gefühl der Sicherheit und des Rechts vermitteln könnte. Politische Entscheidungsträger erklären die offenen Grenzen zum höchsten Gut das es zu verteidigen gilt. Wird also im viel zitierten europäischen Wertesystem das Erreichen übergeordneter Ziele höher eingeschätzt als der Schutz von Eigentum, Leib und Leben? Fühlen sich die Bürger auch deshalb zunehmend minderwertig?

Staat und Polizei im ländlichen Bereich kaum präsent

In jüngster Zeit sind die Folgen der Abwanderung einer ganzen Generation auf dem Gebiet der neuen Bundesländer nicht mehr zu übersehen. Viele Häuser stehen leer und verfallen. Die Menschen haben mehr als drei Gebietsreformen hinter sich. Jedes Mal wurden Schulen geschlossen und Verwaltungen neu strukturiert. Die Polizei ist im ländlichen Bereich de facto nicht mehr präsent. Die Nahversorgung ist in vielen Orten zusammengebrochen. Die ärztliche Versorgung ist lückenhaft. Das 2G(!)-Mobilfunknetz hat riesige Löcher. Das Internet ist auf dem Stand von vor 20 Jahren. Den Menschen geht es emotional schlecht. Die Alten vereinsamen in viel zu großen Häusern. Die Besorgung von Lebens- und Arzneimitteln will gut organisiert sein, Arzttermine müssen Monate voraus geplant werden und ein Arztbesuch ist eine Tagesreise. Kinder und Enkelkinder kommen bestenfalls zu Weihnachten vorbei.

Infolge dieser Entwicklungen wurde die Lebensleistung ganzer Generationen auf dem Gebiet der neuen Bundesländer in kürzester Zeit vernichtet. Wohneigentum hat signifikant an Wert verloren. Die Erlöse fehlen, um sich Unterstützung, Pflege oder Altersheim leisten zu können. Das Erbe an die ist zur Belastung geworden. Ohnmächtig, weil alt, ergeben sich die Alteingesessenen der Entwicklung der Gesellschaft. Sie werden begleitet von traurigen, teils verzweifelten Kindern in Bayern, Österreich oder Hessen. Kann das wütend machen?

Einarbeitung in neues Rechtssystem, Schulsystem, Versicherungssystem, Wertesystem u.a.m.

Die Leistung der Bürger der ehemaligen DDR seit der Wende kann nicht hoch genug bewertet werden. Sie haben sich in die neuen Systeme (Rechtssystem, Schulsystem, Versicherungssystem, Wertesystem u.a.m.) eingearbeitet. Sie haben sich Existenzen unter neuen Rahmenbedingungen aufgebaut. Sie haben viel erhofft, erduldet und erlitten. Allein, die politische Anerkennung fehlt.

Es fehlt zudem an einer demokratischen Diskussionskultur. Nazi-Vergleiche werden allzu leicht gezogen. Rundfunk, Fernsehen und Presse schüren Ressentiments gegen Bürger in den neuen Bundesländern. Sie machen sich über sie lustig, bezeichnen sie wahlweise als zu dumm für die Demokratie, zu faul für die Marktwirtschaft oder zu weltfremd für interkulturelle Toleranz.

Flüchtlingsfrage ist nicht die Ursache für die Entwicklung der politischen Gesinnung in Deutschland

Insgesamt ist bei der Interpretation des Wahlergebnisses vom 24.09.2017 Vorsicht ist geboten. Die Flüchtlingsfrage mag wichtig sein; sie ist jedoch nicht die Ursache für die Entwicklung der politischen Gesinnung in Deutschland und ihre Lösung wird deshalb auch nicht das Allheilmittel sein. Sorgsamkeit ist geboten in der Kommunikation der Medien; die Vielfalt an Themen muss dringend erhöht werden, die tendenziöse Berichterstattung von Presse und Medien ist zu korrigieren und der Respekt gegen alle  Menschen muss ihren Wiederhall in der Auswahl der Leitthemen, der Wortwahl in der Berichterstattung und der Körpersprache der Moderator/inn/en finden. Es wird Gespür für die Menschen erfordern, um die richtigen Maßnahmen für die Entwicklung aller Regionen in Deutschland so voranzutreiben, dass die Gesellschaft zusammenwächst.