Nudging und die totalitäre Versuchung

Der Amerikaner Richard H. Thaler hat den Wirtschafts-Nobelpreis erhalten. Dieser Beschluß reiht sich die mittlerweile ziemlich lange Reihe von Fehlentscheidungen des Nobelkomitees in den vergangenen Jahren. Seit der letzten ist übrigens erst eine Woche vergangen: Die Verleihung des Friedenspreises an die kaum bekannte Organisation ICAN, eine internationale Kampagne zur Abschaffung von Atombomben, die von sich behauptet, für das völlig unwirksame Abkommen zum Verzicht auf  Atomwaffen verantwortlich zu sein, das von keiner der vermutlich neun Atommächte auf der Welt unterschrieben wurde.

Thaler ist eigentlich kein Ökonom, sondern ein Verhaltensforscher, dessen Ergebnisse auf die Wirtschaft angewandt werden können und auch tatsächlich werden. Deshalb hatte niemand ernsthaft mit ihm als Preisträger gerechnet. Sein Fach wird Verhaltensökonomie genannt,  die sich darum bemüht, psychologische Aspekte in die wirtschaftswissenschaftlichen Modelle hineinzubringen, es entzieht sich aber weitgehend exakter Beweisführung.

‘nudging’

Von Thaler stammt die politische Konzeption des „nudging“. Die  Menschen sollen durch gezieltes „Anstupsen“ zu erwünschten Verhaltensweisen gebracht werden, ihre Entscheidungen sollen zum „Positiven“ beeinflusst werden, etwa einer gesünderen oder umweltbewussteren Lebensweise.  Um die wohltuende Harmlosigkeit des nudging zu zeigen, wird immer wieder die Fliege in der Pissoirmuschel erwähnt, die die Männer dazu bringen soll, den Urin-Strahl gezielt ins die Mitte der Muschel zu richten. Als weiteres Beispiel werden  die Schockbilder auf Zigarettenpackungen genannt: Rauchen soll nicht verboten, wohl aber das Verhalten verändert werden. Es gibt einen Staat, der besser weiß, welche Entscheidungen gut für die Menschen wären, und der daher versucht, sie in diese Richtung zu lenken. „Liberaler Paternalismus“ wird das genannt, liberal deshalb, weil die Menschen ohnehin weiter frei entscheiden könnten.

Es fällt auf, dass ausgerechnet linke Politiker, die ja davon überzeugt sind, die allein richtige Weltanschauung zu haben, besonders anfällig für diese Art von politischer Erziehung sind. Barack Obama hatte sogar Thalers Co-Autor Cass Sunstein al Berater engagiert. Auch Angela Merkel hat sich schon lebhaft dafür interessiert.  Die Grünen, eine notorische Oberlehrerpartei mit ihrer starken Neigung zur Weltverbesserung lieben  Umerziehungsprogramme  – von der Lebensmittel-Ampel und der Gender-Ideologie im EU-Parlament über unfreiwillige Fasttage in Deutschland bis zur erbarmungslosen Beglückung der Menschheit durch Fußgängerzonen und Radwege.

‘nudging’ dient zu Durchsetzung einer politischen Agenda

In Wirklichkeit dient das nudging dazu, eine politische Agenda durchzusetzen, die man auf normalem gesetzgeberischem Weg nicht durchsetzen würde; entweder, weil man dafür keine Mehrheiten findet oder weil die einzelnen Maßnahmen nicht wichtig genug für eine gesetzgeberische Festlegung sind. In ihrer Gesamtheit konstituieren sie aber eine außer- und nebengesetzliche Rechtsordnung von totaler Verbindlichkeit, weil sie mit moralischer Ächtung sanktioniert wird. Auf diese Weise wurde die Gendersprache auf Universitäten und Schulen durchgesetzt.

Das nudging geht davon aus, dass der Einzelne die ihm abgeforderten Entscheidungen des Lebens nicht allein treffen  kann, weil er nicht alle Voraussetzungen und Konsequenzen überblicken kann. Angeblich nimmt er immer die „erstbeste“, für mehr reichten Zeit und Motivation nicht aus. Deshalb müsse man ihm durch eine „Vorauswahl“ der Optionen helfen.

Blanke totalitäre Anmaßung spricht den folgenden Sätzen eines Anhängers des nudging aus der Beratungs- und Werbebranche: „Wenn Sie glauben, dass Menschen immer rational handeln und immer genug Zeit haben, alle nötigen Informationen zu sammeln, hängen Sie einem Menschenbild an, das mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat. Dieses veraltete Menschenbild mag bei Juristen und Ökonomen noch Mainstream sein, doch die Realität sieht trotzdem anders aus: Der finanzielle und ökonomische Analphabetismus ist weit verbreitet. Wenn man nun aber weiß und beobachtet, dass Menschen aus Zeitmangel oder Faulheit in ihren Entscheidungen systematisch von dem abweichen, was für sie besser wäre, soll man das als regulierende Behörde dauerhaft ignorieren?“

Sollte sich George Orwells Vision für 1984 womöglich 2017 verwirklichen?