Das Einkommenssteuergesetz muss in den Mistkübel!

Interview mit Mag. Klaus Hübner, langjähriger Präsident der Kammer der Steuerberater und Wirtschaftstreuhänder.

 

Was bedeutet Innovation?

Die Zukunft antizipieren und kreative Vorschläge machen, die der Realität standhalten müssen.

Langfristig sollten sie sich diese Vorschläge in ein konkurrenzfähiges Produkt verwandeln.

Ja, natürlich.

Sind wir gut aufgestellt für die neue Generation? Digitalisierung, Industrie 4.0 etc?

Unser Berufsstand ist im höchsten Maße von der Digitalisierung betroffen. Wir als Kammer unterstützen unsere Mitglieder, wir veranstalten jede Menge Workshops und Symposien und haben eine eigene Online-Plattform gegründet. Aber nicht nur wir Steuerberater müssen uns digitalisierungs-fit machen. Da kommt gewaltiges auf die österreichische Verwaltung zu, umso wichtiger ist eine effiziente Steuerverwaltung, die sich auch die neue Technologie zunutze machen muss.

Was muss im Steuerrecht geschehen, damit wir wettbewerbsfähig bleiben?

Der Wandel der Zeit bringt auch einen Wandel der Steuerpolitik mit sich. Es gibt diverse Studien, wo Österreich in der Frage der Zukunftstauglichkeit ziemlich hinterherhinkt. Ich bleibe trotzdem Optimist. Wir haben das Verständnis, das Globalisierung sowohl Digitalsteuern als auch Finanztransaktionssteuern bedeuten wird. Wenn die Welt globaler wird, muss dies auch im Steuersystem seinen Niederschlag finden. Es gibt die Tendenz die Bemessungsgrundlagen zu verbreitern und die Steuersätze zu senken. Die können natürlich aus Wettbewerbsgründen nur nach unten gesetzt werden, nicht nach oben. Am wichtigsten ist, dass wir mehr Klarheit und Verständlichkeit im Steuerrecht bekommen, denn nur dann wird es auch vom Bürger akzeptiert.

Das heißt, Innovation im Steuerrecht heißt Vereinfachung, klare Definitionen und Verkürzungen?

Ja, es hat sich so vieles geändert und wir brauchen Mut zur Reform. In Wirklichkeit muss das Einkommenssteuergesetz in den Mistkübel wandern und wir müssen das ganze „from the bottom up“ neu konzipieren, wie es auch der Finanzstaatssekretär richtig gesagt hat. Wenn man das nicht macht, käme man bald zur wahrscheinlich 105. Novelle. Wir Steuerberater können die Bundesgesetzblätter gar nicht so schnell lesen, wie sie gedruckt werden! Das Steuerrecht enthält auch viele sehr emotionale Aspekte, wenn man an die Überstundenbegünstigung denkt, an diverse Sonderausgaben oder die Pendlerpauschale…

Ist die Komplexität nicht gut für Ihren Berufsstand?

Es ist und bleibt kurios, dass wir Steuerberater natürlich von der Komplexität des Steuerrechts profitieren, aber in Wirklichkeit haben wir selber Interesse daran, im Sinne der Rechtsklarheit. Alleine wenn wir an die Lohnverrechnung denken…da gibt über 500 verschiedene Einstufungen. Natürlich gibt es nichts Schwierigeres, als die Vereinfachung. Steuerrecht ist immer eine Reflexion auf das Gesellschaftssystem. Wenn das komplex ist, ist das Steuerrecht auch komplex. Nur eines ist klar, wenn wir die nächsten zehn Jahre so weitertun, wie wir es in den letzten 10 Jahre getan haben, kollabieren wir. Ich glaube, das sieht mittlerweile auch das Finanzministerium so, denn auch dort gibt es mittlerweile ein Bewusstsein, dass das ganze Steuersystem einfacher werden muss.

Sie sind schon sehr lange ein Kämpfer für Entbürokratisierung.

Wir haben in Österreich einfach ein Kompetenzwirrwarr. Wir haben zu viele Zuständigkeiten für ein und denselben Bereich. Der übertriebene Föderalismus ist ein Bremser der Wirtschaftskraft. Es gibt Doppelgleisigkeiten ohne Ende. Das muss durchforstet werden, ein bisschen Benchmarking mit der Schweiz oder Bayern täte uns gut in vielerlei Hinsicht, zB gerade auch was die Anzahl der Beamten anlangt. Wir haben eine Abgabenquote von 42%, da liegen wir unter den teuersten Ländern Europas. Seit Schüssel redet man von maximal 40%, die man erreichen will, aber wir sind noch lange nicht dort. Dort werden wir erst sein, wenn wir Strukturreformen mutig angehen. So finde ich zB die geplante Sozialversicherungsreform gut, auch die von Löger geplante Neuorganisation der Finanzverwaltung unter Zuhilfenahme moderner Technologien ist zu unterstützen.

Unseren Wohlstand verdanken wir in erster Linie KMU, Industrie, den tüchtigen Unternehmern dieses Landes mit ihren Mitarbeitern. Die würden vermutlich lieber investieren, als sich mit diversen Details in der Lohnverrechnung, Abschreibungen und sonstigen steuerrechtlichen Spezialitäten zu beschäftigen.

Ich vertrete die österreichischen Steuerberater und Wirtschaftsprüfer und wir arbeiten sehr engagiert daran, dass das alles einfacher wird. Kleinere Unternehmer klagen, dass man doch nicht für jede Kleinigkeit einen Steuerberater brauchen sollte, da bin ich ganz ihrer Meinung. Ich gebe zu, ich habe sogar selbst einen Steuerberater zur Unterstützung gebraucht für das Au Pair Mädchen meiner letzten Tochter, das ist schon derart sophisticated…Es ist mittlerweile so weit, dass man für seine Buchhaltung acht Stunden braucht, wofür man früher fünf Stunden gebraucht hat. Die Digitalisierung sollte eigentlich dazu führen, dass man nur drei Stunden braucht.

Sehen Sie positive Entwicklungen?

Natürlich, wir wollen nicht alles Verteufeln. Die Finanzverwaltung ist mit finanzonline schon ganz gut aufgestellt, teilweise sogar besser als die Deutschen, aber die Innovationsbereitschaft sehe ich bei uns schon sehr reduziert. Verändern will jeder bei allem, nur nicht bei sich selber…Wir müssen aber im Interesse der nächsten Generationen modernisieren, reformieren und schlanker werden. Das Gute an Österreich ist aber, dass bei dem großen Wirrwarr, den vielen verschiedenen Kompetenzen und Aufgabenbereichen etwas zu heben ist. Sicherlich 3 bis 6 Milliarden. Wenn man diese Manövriermasse dann für eine Senkung der Lohnnebenkosten verwendet, damit wir den Nachteil zu unserem wichtigsten Wirtschaftspartner Deutschland ausgleichen können, wäre das schon hilfreich.

Was finden Sie innovativ an der österreichischen Politik?

Mir scheint, die Regierung ist bereit, Reformen wirklich mit Mut anzugehen. Natürlich muss man ein Trägheitsmoment überwinden, natürlich wird es Widerstände geben, aber dieser Modernisierungsprozess ist unumgänglich.

 

Klaus Hübner (geb. 1952) ist seit 1981 Steuerberater in Wien, Gründungspartner der Hübner & Hübner Steuerberatung und Wirtschaftsprüfung, spezialisiert auf Finanzstrafrecht und langjähriger Präsident der Kammer der Steuerberater und Wirtschaftsprüfer. Vor seiner Ausbildung zum Steuerberater studierte Hübner Betriebswirtschaft. Hübner ist unter anderem Mitglied des Aufsichtsrates bei der BUWOG group, zudem fungiert er seit 2004, nach seinem abgeschlossenen Post Graduate Studium Konfliktmanagement und Mediation, als Wirtschaftsmediator.