Foto Johannes Kernmayer für Madonna

High-Tech kann fast jeglichen Verzicht auf Pflanzenschutz bedeuten!

Interview mit Manfred Hohensinner, Gesellschafter und Geschäftsführer der Frutura Thermal Gemüsewelt im steirischen Thermenland. Das Thermalwasser wird dort nicht nur zum Baden verwendet, sondern die natürliche Resource „heisses Wasser“ wird auch als Energieträger genützt. Das Wasser wird mit bis zu 125 Grad Celsius aus Lagerstätten im Erdinneren schonend an die Oberfläche gefördert, als natürliche Energiequelle für die Beheizung der Gewächshäuser herangezogen und danach wieder in die Erde zurückgeführt.

Herr Hohensinner, Sie arbeiten nicht nur mit sehr vielen heimischen Bauern zusammen, sondern auch international mit über 1000 Vertragspartnern auf der ganzen Welt für Bananen, Avocados, Zitrusfrüchte usw.. Macht sich eine Klimaveränderung in unserer Welt bemerkbar?

Ja, ganz massiv. Ich würde gar nicht sagen „Klimaveränderung“ – und egal was deren Ursache ist – es ist eigentlich schon eine Klimakrise! Es gibt Wetterextreme. Die Bananenproduktion ist sehr schwierig geworden, weil es heutzutage enorme Niederschlagsmengen in kürzester Zeit gibt. Auf der anderen Seite gibt es extreme Trockenperioden. Das Problem ist, dass diese Phasen der Regen- oder Trockenzeit immer länger werden.

Dann wird sich die Landwirtschaft wohl umstellen müssen, um mit der Produktion für eine wachsende Bevölkerung nachkommen zu können.

Genau. Die Frage lautet: Wie produzieren wir in Zukunft Lebensmittel und welche Systeme können wir schaffen, um auch in Zukunft Lebensmittel produzieren zu können? Das wird die größte Herausforderung für die Zukunft. Auf der einen Seite geht es dabei um Bodengesundheit, auf der anderen Seite um technische Hilfsmittel bis zu um High-Tech-Produktionsformen, um die Versorgung der Menschen gewährleisten zu können.

Sie sind ein High-Tech Landwirt und produzieren auch Biolebensmittel. Bio und High Tech – wie passt das zusammen?

Bio-Fruchtgemüse wie Tomaten kann man eigentlich nur in Kombination mit High-Tech produzieren, damit man dementsprechende Mengen bei guter Qualität für einen längeren Zeitraum gesichert ernten kann. Es ist ganz einfach: Würde ich Bio-Tomaten im Freiland produzieren, sind sie extremer Sonnenbestrahlung und extremen Niederschlägen ausgesetzt. Wenn es viel regnet, habe ich viel Wasser auf einmal, das ist schlecht für die Pflanze und da das Wasser im Boden schnell versickert, hat sie nicht die Nährstoffe zur Verfügung, die sie braucht. Wenn es nicht regnet, kann die Pflanze gar keine Nährstoffe aufnehmen. Also auch nicht gut. Hier kommt High-Tech ins Spiel. Das heißt einfach, ich stelle ein Gewächshaus über die Pflanzen. Ich schütze sie dadurch vor extremer Sonnenbestrahlung, das Regenwasser leite ich ab und führe es dann zu, wenn es die Pflanzen brauchen. Die Tomate beispielsweise hat einen ähnlichen Rhythmus, wie wir Menschen. In der Früh wird sie wach und sie benötigt ein Frühstück. Dann ist sie den ganzen Vormittag fleißig und bildet Blätter und Blüten aus. Dann braucht sie Mittagessen. Anschließend – und da ist sie gescheiter als die meisten von uns – geht sie in die Mittagsruhe. Erst am Nachmittag wird sie wieder aktiv. Am Abend braucht sie ihr Abendessen, bevor sie in die Nachtruhe geht. Damit die Nährstoffe genau dann zugeführt werden können, wenn die Pflanze sie braucht, haben wir Computer Unterstützung. Wir Menschen können uns ja selbst versorgen. Wir nehmen ein Glas Wasser, wenn wir durstig sind. Das kann ja die Pflanze nicht, die kann nur das nehmen, was sie bekommt. Wenn der Boden staubtrocken ist, kann sie kein Wasser aufnehmen. Ist es zu nass, ersäuft sie fast. Darum brauche ich High-Tech, um gute Qualität und Versorgungssicherheit zu haben.

Welche Rolle spielen Pflanzenschutzmittel?

High-Tech bedeutet fast jeglichen Verzicht auf Pflanzenschutz! Mit unserem High-Tech Heizsystem erspare ich mir den Einsatz von Fungiziden, weil ich die Temperatur im Gewächshaus so steuern kann, dass keine Feuchtigkeit entsteht, welche für Pilzinfektionen verantwortlich ist. Und das bei null CO2 Ausstoß. Wir heizen ja alles durch Geothermie, das ist der sauberste Energieträger, den es gibt.

Wie kann man die Begriffe Pflanzenschutz, Bio-Ware und konventionell produzierte Ware einordnen? Was sind die Unterschiede?

Das ist von Produktgruppe zu Produktgruppe sehr verschieden. In den Bergregionen ist eine Bio-Grünland-Bewirtschaftung eigentlich selbstverständlich und es ist sehr wichtig, dass das unterstützt wird. Für eine Fruchtgemüseproduktion, wie zum Beispiel von Tomaten, muss man laut Bio-Verordnung im Mutterboden anpflanzen. Im Mutterboden muss ich aber aufgrund der notwendigen Fruchtfolge jährlich eine andere Kultur anpflanzen. Das ist schon gut und richtig, aber bei der Bio-Verordnung wurden die am Markt nachgefragten Mengen außer Acht gelassen. Die Menschen wollen nun mal viel mehr Tomaten, als zum Beispiel Gurken. Wir brauchen in Österreich in Summe pro Jahr 300.000 Tonnen an Tomaten. Davon produzieren alle zusammen in Österreich 55.000 Tonnen. Also importieren wir 80%. Die heimische Bio-Freilandproduktion macht sage und schreibe ca. 270 Tonnen aus. Die Gegebenheiten lassen nicht mehr zu in unseren Breiten. Das größte Problem ist immer die Feuchtigkeit aufgrund von Pilzinfektionen. Deshalb sind wir gezwungen in den geschützten Bereich zu gehen, sprich in Gewächshäuser. Und in diesen brauche ich aber auch die Fruchtfolge. Da sind natürlich die Möglichkeiten begrenzt, weshalb wir zum Beispiel teilweise nicht in den Mutterboden sondern in Substrat pflanzen, das ist eine spezielle Erde-Kokosfasermischung , was – obwohl kein Pflanzenschutzmittel verwendet wird – als konventionell gilt. Auf der anderen Seite wird Bio-Produktion gerne gleichgesetzt mit „kein Pflanzenschutz“. Faktum ist, auch in der Bio-Freilandproduktion von Obst & Gemüse muss teilweise sehr intensiver Pflanzenschutz betrieben werden, wenn auch mit ökologischen Mitteln. Dass man Österreich rein mit Bio-Produkten ernähren könnte, ist meiner Meinung nach jedenfalls eine Illusion.

Wie kann man Österreich zukünftig gesund ernähren?

Indem man innovative Produktionsmethoden fördert, wo Ressourcen weder vergeudet noch geschädigt werden und dabei aus den Grundflächen das beste gemacht werden kann. Wir sollten Produkte immer dort produzieren, wo es die besten Voraussetzungen dafür gibt, sowohl vom Boden als auch vom Klima her und für Spezialprodukte muss man eben in den geschützten Anbau gehen, anders geht es nicht.

Was meinen Sie mit „fördern“? Soll der Staat hier unterstützen?

Ich meine einfach nur zulassen. Das wäre schon was. Man muss sich aus eingefahrenen und vor allem längst überholten Strukturen lösen. Die Scheuklappen müssen runter, man muss sich einfach fragen: Was braucht die Welt? Was brauchen die Menschen? Vieles, aber vor allem die Landwirtschaft, ist in veralteten Strukturen und Denkmustern gefangen. Und was hört der Konsument von den Bauern? Hauptsächlich jammern über die Preise und alles Mögliche andere… Dabei hat gerade die Landwirtschaft eine Riesen-Chance! Wir Landwirte dürfen LEBENsmittel produzieren. Ich schreibe LEBEN in LEBENsmitteln immer groß, denn es sind Mittel zum LEBEN, die braucht jeder Mensch. Hier gibt es eine Aufforderung an die Gesellschaft: LEBENsmittel müssen einen anderen Stellenwert bekommen. Es wird künftig nicht mehr so sein, dass wir alles im Überfluss haben. Es wird auch nicht mehr so sein können, dass jeder Landwirt produziert, ohne eine fixe Abnahmezusage zu haben. Es wird in Richtung Vertragsproduktion gehen, damit wir die Flächen, die wir haben intelligent nützen können. Wir haben ja auch eine große Verantwortung für unsere Kinder und die nächsten Generationen. Wir wollen ihnen eine lebenswerte Zukunft hinterlassen und nicht einen riesigen Scherbenhaufen!

Was muss also getan werden in der Landwirtschaftspolitik?

Wir brauchen einen gesamtheitlichen Ansatz. Wir müssen einfach jene Produkte produzieren, die sich die Konsumenten wünschen und aufhören solche zu produzieren, die es im Überfluss gibt, wo auch schon viel Durchschnittsqualität herrscht, wie es zum Beispiel bei Äpfeln ist. Viele Äpfel schmecken nicht mehr besonders gut, weil man auf Masse anstatt Qualität gegangen ist. Auch durch die hinterfragenswerte EU-Förderpolitik. Dadurch wird aber viel Fläche besetzt, wo man anderes anbauen könnte. Viele Bauern werden keine Zukunft damit haben, das muss man einmal ehrlich aussprechen. Dabei hat gerade jetzt die Landwirtschaft eine riesige Chance. Durch die Klimaveränderung und die Digitalisierung.

Inwiefern durch die Digitalisierung?

Es verändern sich die Berufsbilder. Es gibt immer weniger schwere körperliche Arbeit, dadurch ist der Nährstoffbedarf der Menschen ein ganz anderer geworden. Automatisch ändert sich das Ernährungsverhalten. Außerdem sickert in der Bevölkerung langsam die Erkenntnis durch, dass nicht der Arzt für die Gesundheit zuständig ist, sondern in erster Linie jeder für sich selbst. Automatisch rückt damit das Thema Ernährung immer mehr in den Vordergrund. Das gibt den Bauern eine große Chance. Die beste Vermarktungsform ist natürlich die Direktvermarktung, wo der Bauer direkt mit dem Konsumenten in Kontakt steht. Aber durch die Digitalisierung geht es heute auch anders, wo man zum Beispiel im online-shop bestellt und vor die Haustüre frischeste Ware geliefert bekommt. Die Zukunft geht dort hin, dass die Konsumenten sagen: Das hätte ich gerne! Und wir Bauern machen das dann, abgestimmt und eigentlich gemeinsam mit den Konsumenten.  Das ist der Idealfall. Damit schützen wir auch unsere Umwelt, unsere Heimat und schaffen Arbeitsplätze. Die Ernährung wird ein gemeinsames Zukunftsprojekt von Konsumenten und Produzenten.

Man sagt, Hartl sei eine Bananenrepublik! Wie kommt es dazu? 😊

SPAR Österreich hatte die Idee eine zentrale Bananenreifungsanlage zu errichten, weil es schwer war, auf den unterschiedlichen Bedarf in den einzelnen Regionen zu reagieren. Manche Regionen hatten zu viele Bananen, andere hatten zu wenige und so gab es immer wieder Schwierigkeiten in der Versorgungsqualität. Jedenfalls haben sie eine österreichweite Ausschreibung für eine zentrale Reifungsanlage gemacht. Auch ich bekam diese Ausschreibung auf den Tisch und ich konnte damit gar nichts anfangen, weshalb sie auf meinem Tisch wochenlang unberührt liegen blieb. Mein Partner Hans entdeckte das Papier eines Tages und nahm es mit. Ich habe drei Tage nichts von ihm gehört. Dann kam er zurück mit dem fertigen Konzept und sagte zu mir, „Hier hast, reich ein!“ und wir bekamen tatsächlich den Zuschlag. Als ich zu unserem Bürgermeister sagte, Hartl wird jetzt Bananenrepublik, hat er sich zuerst nicht recht ausgekannt. Und weil wir hier selber nicht das nötige Wissen hatten, haben wir einen top Lebensmitteltechnologen in Hamburg angeheuert, der mittlerweile weitere Mitarbeiter hier zum Bananenreifemeister ausgebildet hat.

Was macht ein Bananenreifemeister?

Das ist eine sehr spezielle Ausbildung, man weiß als Konsument oft gar nicht, was da alles dahintersteckt. Es gibt über 1.000 Bananensorten, aber wir haben nur eine in Europa aufgrund ihrer Eignung für die Container Verschiffung. Bananen werden noch grün gepflückt, auch im Ursprungsland übrigens, sonst würden sie an der Staude verfaulen. Dann werden sie für den Transport „schlafengelegt“, das heißt man entzieht ihnen Sauerstoff und kühlt den Container auf 16C herab. Wenn sie dann bei uns sind, werden sie je nach Bedarf der Märkte, langsam aufgeweckt. Das heißt, es wird Sauerstoff zugeführt, der für die grün-zu-gelb Umwandlung verantwortlich ist, die Temperatur wird langsam raufgefahren und Reifegas wird in die Reifezellen gelassen. Der Reifungsprozess, somit die Umwandlung von Stärke in Zucker kann genau gesteuert werden und wenn die Bananen so weit sind, werden sie ausgeliefert. Sie sind sehr temperaturempfindlich und dürfen am Weg zum Konsumenten nicht in die Kälte kommen. Man soll sie übrigens auch nicht im Kühlschrank lagern, da verliert diese tropische Frucht gleich ihren Geschmack.

Wenn man durch die Gemüseverpackungsanlage in Hartl geht, sieht man eine Maschine, auf welcher Mangos und Avocados fahren. Was ist das?

Das ist unsere Exoten Sortieranlage. Wir stellen zerstörungsfrei fest, ob es Beschädigungen in der Frucht gibt und auch was sie für einen Trockenmassegehalt hat. Die Früchte werden dann entsprechend diesem Gehalt zusammensortiert und dann in die Reifezellen gegeben. Bislang war es ja als Kunde so, wenn man eine Mango oder eine Avocado kauft, war es Glückssache, ob die schmeckt. Gemeinsam mit der steirischen Firma Insort haben wir nun diese einzigartige Exoten-Sortier Anlage entwickelt, das findet man in ganz Europa nicht noch einmal. Wir sind dadurch in der Lage wunderbare Qualität zu liefern, die Früchte haben ein immer gleiches Geschmacksbild. Und genau dort geht die Zukunft hin. Manche Proponenten in der Landwirtschaft stellen die Produktion gerne als – wie ich sie nenne – idyllische Heidi-Landwirtschaft dar. Das entspricht nicht der Realität. Da wird den Konsumenten etwas vorgegaukelt. Man kann nicht sagen, es soll alles so bleiben, wie es vor 20 Jahren war, weil dann müssten wir zurück auf die Bäume. Wir wollen für die Konsumenten gut schmeckende Ware in immer gleichbleibender Qualität produzieren. Wir wollen produzieren, was schmeckt und sinnvoll ist. Das nenne ich ressourcenschonende Produktion. Das ist die Philosophie von Frutura.