© Kerstin Pukall

The shining City

Ich weiß nicht, ob Sie es wussten: Aber wir dürfen gar nicht mitwählen morgen bei der Wahl zum nächsten Präsidenten der USA.  Angesichts der überschwappenden Politik-Ressorts schien der Hinweis nicht ganz überflüssig. Wir werden geflutet mit Wahlempfehlungen, Wahlkampfanalysen und Psychogrammen über Donald Trump und Hillary Clinton.

Nun ist es ja nicht so, dass die Hillary-Euphorie tatsächlich wahnsinnig groß ist. Gemeinhin wird sie nur als das kleinere Übel betrachtet. Als die Trump-Verhinderin.  Als die bessere Alternative zwischen Not und Elend gewählt zu werden, ist jedoch weder besonders charmant, noch Ausdruck von tiefster Überzeugung. Die deutsche politische Szene ist eher in Verzweiflung.

“Obama, der Messias”

Wie anders war das noch damals bei Obama. Dieser Messias, der einst nicht mit der Air Force One, sondern persönlich übers Wasser nach Berlin gekommen zu sein schien, um die Huldigung eines Volkes entgegen zu nehmen, das bereit war, jeden Unsinn von seinen Lippen zu glauben. Nie hatte man einem amerikanischen Präsidenten mehr Vorschusslorbeeren zugebilligt, wie damals. Selbst der Friedensnobelpreis wurde im Voraus verliehen, eine Beleidigung für alle Preisträger davor. Das Prinzip Hoffnung hatte die Erfahrung schon lange verdrängt. „Change“ sollte her. Egal was, egal wer. Hauptsache etwas anderes, als der diabolische Bush. Dieser Kriegstreiber.  Mein persönlich einziger Grund, Herrn Obama zu wählen wäre damals sein Wahlkampfversprechen gewesen, Guantanamo endlich zu schließen. Diesen Schandfleck einer großen, demokratischen und freiheitlichen Nation. Ich hab gerade nochmal nachschaut: Doch, steht noch, auch nach acht Amtsjahren. Soviel dazu. Genaugenommen war auch Barack Obama eine Protestwahl, ein lautes „Stop“ gegen ein einfaches „Weiter so“. Er profitierte davon, noch nicht wirklich Teil des Establishments zu sein, während Hillary Clinton heute möglicherweise genau das zum Verhängnis wird, obwohl ich sie für tauglich halte, diesen Posten als Präsidentin auszufüllen.

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Eine beeindruckende Frau, mit der ich politisch nahezu keine Position teile, deren politischen Werdegang ich aber mit Respekt beobachte.

Vor vielen Jahren bereits las ich ihre Autobiographie „Gelebte Geschichte“. Eine beeindruckende Frau, mit der ich politisch nahezu keine Position teile, deren politischen Werdegang ich aber mit Respekt beobachte.  Gerade auch als Frau. Sie ist ein politisches Tier. Ambitioniert, klug. Wie sehr muss sie darunter gelitten haben, neben Bill nur die zweite Rolle gespielt zu haben. Niemals hätte er es ohne sie so weit gebracht. Als Dank hat er ihr auf dem Höhepunkt der Macht eine Praktikantinnen-Affäre nebst öffentlicher, schmutziger Schlammschlacht beschert, die sie vor der ganzen Welt als betrogene Ehefrau beschämte.  Und selbst das hat sie überlebt und eine Größe und Souveränität an den Tag gelegt, die nur wenige Frauen in diesem Moment aufgebracht hätten.  Sie kennt die Administration, das Weiße Haus, die Außenpolitik. Und ja, nicht zu vergessen:  Sie ist eine Frau!  Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten hat sich mit der Wahl eines schwarzen Präsidenten bereits einmal neu erfunden. Jetzt könnte es die erste Frau in diesem Amt sein. Auch das wäre ein weiterer, historischer Moment.  Ja, man kann sie wählen, diese Frau. Sie kann es, sie würde eben bloß das Falsche tun. Die US-Schauspielerin Susan Sarandon brachte es in einem Interview schön auf den Punkt: „Ich wähle nicht mit meiner Vagina“.

“Ich wähle nicht mit meiner Vagina.”

Sprich: Ich wähle eine Frau nicht, nur weil sie eine Frau ist, sie müsste schon die richtige Frau sein. Richtig, denn wer Männern vorwirft, schwanzgesteuert zu sein, sollte die weiblichen Geschlechtsteile auch nicht in den Vordergrund zerren. Ist aber leider im gendersensiblen Diskurs nicht mehrheitsfähig. Dort favorisiert man nach wie vor die Ansage, eine Frau sei zu wählen, weil sie eine Frau sei. Während Männer natürlich nicht gewählt werden sollen, eben weil sie Männer sind.

Trump ist die AfD der USA

Fachlich sieht ein Donald Trump neben einer Hillary Clinton jedenfalls wie ein Vollidiot aus. Diejenigen, die ihn wählen wollen, tun dies aber auch nicht, weil sie ihn fachlich großartig finden, sondern als Typ. Weil er nicht zum Establishment gehört, weil er poltert, weil er reich ist und erfolgreich, weil er den amerikanischen Traum auf seine Weise genauso gut verkörpert, wie einst Obama, der als erster Schwarzer gewählt wurde. Weil er geradeheraus sagt was er denkt. Trump ist die AfD der USA. Er ist die personifizierte Protestwahl schlechthin. Niemand wählt ihn, weil  man glaubt, er könne das administrativ. Wenn Trump gewinnt, dann ist es eine Bauch-Wahl. Gewinnt Hillary, dann siegte der Kopf. Und so herrscht über alle politischen Lager hinweg gerade Einigkeit in Deutschland, dass Trump nicht geht. Dass keiner von uns ihm den Schlüssel zu dem Koffer mit den Atom-Codes geben möchte. Wir halten ihn für unberechenbar. Ein Putin-Freund soll er auch noch sein. Mon Dieu! Und dann die Weibergeschichten. Sexist. Kriegstreiber. Größenwahnsinnig. Ein Vollhonk. Ich las von einem  gestandenen Spiegel Redakteur in den sozialen Netzwerken, wenn Trump gewählt würde, dann wären das nicht mehr seine USA, wie er sie liebe. Nun ja, da können die USA natürlich einpacken, wenn der Spiegel ihnen die Gefolgschaft verweigert.  Es kam mir in der Tonalität aber sofort bekannt vor. Hatte nicht Angela Merkel auch mal so einen aberwitzigen Satz gesagt, unter welchen Bedingungen das alles hier nicht mehr ihr Land sei? Also wenn das mit den falschen Wählern und den falschen Gesinnungen und falschen Wahlkreuzchen so weiter geht? Da kann natürlich auch Deutschland einpacken. Ohne Angela Merkel und unter Verweigerung ihrer weiteren Unterstützung für uns. Die Wahrheit sähe sowohl für die USA, als auch für Deutschland übrigens ganz anders aus.

Die “shining city upon the hill” wird beide Kandidaten überleben ohne Schaden zu nehmen!

Denn völlig unabhängig davon, wer  in wenigen Stunden die Wahl in den USA gewinnen wird: Die „shining city upon the hill“ wird beide Kandidaten überleben ohne Schaden zu nehmen.  Weil sich dieses  Land weder von einer Sozialistin, noch von einem Exzentriker zugrunde richten lassen wird. Die leuchtende Stadt, wie Ronald Reagan die Vereinigten Staaten mit einer gehörigen Portion Pathos in seiner Farewell-Rede nannte, ist das, was die Amerikaner in ihrem Land sehen und was niemals untergehen wird. Ganz egal wie viele Pessimisten sich in deutschen Zeitungen zusammenrotten, um den Untergang der USA gemeinsam  zu besingen – alternativ herbei zu beschwören. Journalisten-Voodoo. Es schwingen ein Stolz und  eine Arroganz in diesen Worten Reagans wieder, mit denen man in Deutschland längst in der Populisten-Strafecke darben würde. Die Amerikaner haben Reagan damals dafür geliebt. Und sie lieben ihn heute noch. Er zitierte letztendlich nur den puritanischen Prediger und langjährigen Gouverneur von Massachusetts, John Winthrop und dessen Predigt aus dem Jahr 1630, der das neue gelobte Amerika, das man dabei war aufzubauen, gar aus der Bergpredigt nach Matthäus herleitete.  „Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben“.

Hillary? Oder besser Trump?

Es ist arrogant und patriotisch so zu denken. Es ist Stolz und Ehrgeiz, Aufgabe und Ansporn und es ist die Basis des viel beschriebenen „American Spirit“, von dem so viele schreiben, und den so wenige verstehen. Hillary? Oder besser Trump? Am Ende wären sie jedenfalls beide Patrioten.

Reagans Worte sind nichts für patriotische Analphabeten. Die Ignoranten können jetzt aufhören zu lesen. Die anderen werden lesen und verstehen, warum Amerika erfolgreich ist und wie weit wir in Deutschland mit verschämten Leikulturdebatten davon entfernt sind, daran zu glauben, dass dies Land großartig ist, ganz egal, wer es regiert:

„…..And let me offer lesson number one about America: All great change in America begins at the dinner table. So, tomorrow night in the kitchen I hope the talking begins. And children, if your parents haven't been teaching you what it means to be an American, let 'em know and nail 'em on it. That would be a very American thing to do.
And that's about all I have to say tonight, except for one thing. The past few days when I've been at that window upstairs, I've thought a bit of the 'shining city upon a hill.' The phrase comes from John Winthrop, who wrote it to describe the America he imagined. What he imagined was important because he was an early Pilgrim, an early freedom man. He journeyed here on what today we'd call a little wooden boat; and like the other Pilgrims, he was looking for a home that would be free. I've spoken of the shining city all my political life, but I don't know if I ever quite communicated what I saw when I said it. But in my mind it was a tall, proud city built on rocks stronger than oceans, windswept, God-blessed, and teeming with people of all kinds living in harmony and peace; a city with free ports that hummed with commerce and creativity. And if there had to be city walls, the walls had doors and the doors were open to anyone with the will and the heart to get here. That's how I saw it, and see it still.
And how stands the city on this winter night? More prosperous, more secure, and happier than it was eight years ago. But more than that: After 200 years, two centuries, she still stands strong and true on the granite ridge, and her glow has held steady no matter what storm. And she's still a beacon, still a magnet for all who must have freedom, for all the pilgrims from all the lost places who are hurtling through the darkness, toward home.
We've done our part. And as I walk off into the city streets, a final word to the men and women of the Reagan revolution, the men and women across America who for eight years did the work that brought America back. My friends: We did it. We weren't just marking time. We made a difference. We made the city stronger, we made the city freer, and we left her in good hands. All in all, not bad, not bad at all. And so, goodbye, God bless you, and God bless the United States of America.“ 
 Ronald Reagan, 1989.