Interview mit DI Christina Wilfinger – Mensch und Maschine

Christina Wilfinger ist als Specialist Team Unit Lead seit Juli 2017 Teil des Managementteams bei Microsoft Österreich. In ihrer Funktion treibt sie den digitalen Transformationsprozess in Österreich maßgeblich voran. Darüber hinaus ist sie Sprecherin für die Themen Retail und Artificial Intelligence. Das Interview mit ihr führte Kathrin Nachbaur und erschien erstmals im Original in der Wirtschaftswunder Ausgabe Winter 18/19

 

Sie sind seit zwei Jahren in führender Funktion bei Microsoft, was ist Ihre Rolle?

Ich verantworte den Lösungsvertrieb im Großkundenbereich. Wir haben für den österreichischen Markt ca. 250 Mitarbeiter und haben in unserem Enterprise Business ungefähr 150 Kunden inklusive der öffentlichen Verwaltung. Meine Aufgabe ist, unseren Kunden unsere Technologien zur Verfügung zu stellen, damit sie ihre Arbeit und Aufgaben weiter entwickeln können.
Das heisst, Sie fahren beispielsweise zu einem Industrie Betrieb und verkaufen Software.

Das klassische Kunden-Lieferanten Verhältnis hat sich stark geändert, daher hat sich auch unser Geschäftsmodell bei Microsoft sehr geändert. Früher war Microsoft einfach Lieferant für Unternehmenssoftware, Skype Telefonie etc. Jahrelang haben wir die office-CD verkauft, dafür haben wir Lizenz- bzw Wartungsgebühren bekommen. Heute ist es ein Nutzungsverhältnis. Ich habe nichts mehr davon, einfach unsere Technologie zu verkaufen, sondern ich will, dass sie zum Einsatz kommt, dass sie zum Leben erweckt wird. Das war ein großer Kulturwandel bei uns, angeführt von Satia Nadella. Ich will unseren Kunden ein partnerschaftliches Verhältnis auf Augenhöhe anbieten und unser Ziel ist, dass die Kunden mit Hilfe unserer Technologie auch in Zukunft erfolgreich sind.

Es gibt in Österreich viele erfolgreiche KMU, denen wir unseren Wohlstand verdanken. Ich habe den Eindruck, dass vielen nicht bewusst ist, dass und wie ihnen künstliche Intelligenz nutzen könnte. Wie kann man den Begriff „künstliche Intelligenz“ ganz einfach erklären?

Ganz vereinfacht gesagt: Technologie ist mein Freund.  Die kann mir helfen, dass ich mich, ob ich nun ein Ein-Personen Unternehmen bin, ein Zehn-Personen, oder ein Hundert-Personen Unternehmen, auf mein Kerngeschäft konzentriere und mich nicht mit operativen Prozessthemen auseinandersetzen muss. Gerade KMU haben noch sehr viele Papier-getriebene Prozesse, die nicht notwendig sind, und die einen vom eigentlichen Geschäft ablenken, zum Teil sogar abhalten. Ich glaube, dass viele Angst vor dem Unbekannten haben. Hier ist die Gesellschaft, die Politik gefordert, dass Ängste vor neuen Themen überwunden werden und man sich auf die Vorteile konzentrieren kann.

Studien zeigen, dass sich wenige KMU angesprochen fühlen vom Thema der künstlichen Intelligenz. Was hat eine Tischlerei mit 20 Mitarbeitern von künstlicher Intelligenz?

Das Thema ist immer sehr akademisch umschrieben, es werden so viele Fachbegriffe verwendet um das Ganze zu mystifizieren. Es klingt nach einer Expertenblackbox und das macht es nicht angreifbar. Schauen wir uns jetzt also die Tischlerei an. Was ist das Kerngeschäft? Produkte herzustellen aus Holz. Wahrscheinlich wird eine Tischlerei dieser Größe Individualprodukte herstellen. Der Tischler sollte seine wertvolle Zeit dafür aufwenden, Produkte herzustellen und nicht für Auftragsabwicklung, Rechnungslegung und anderes. Üblicherweise läuft es ja so ab: Ich möchte etwas gefertigt haben, also kommt der Tischler zu mir, er vermisst, schickt einen Vorschlag, es gibt Änderungswünsche, dieses Holz passt nicht zu jenem etc…Tage vergehen und wir schicken immer wieder Pläne hin und her. Mit künstlicher Intelligenz kann man mittels 3D ganz einfach dem Kunden zeigen, so wird dieses neue Möbelstück bei dir aussehen. Weiter nach links – ja bitte schön. Lieber aus Eiche? Sehr gerne. Alles mit einem Klick erledigt. Alles kann in kurzer Zeit designt und geplant werden und gleich in die Fertigung gehen. Ausschuss wird vermieden genauso wie Produktionsfehler, dafür steigt die Kundenzufriedenheit.

Das setzt voraus, dass man viele Daten hat, mit welchen man arbeiten kann. Haben Sie den Eindruck, dass die Österreicher gerne ihre Daten hergeben?

Interessant ist: Die Scheu Daten herzugeben ist zwar sehr groß, aber die Menschen tun es trotzdem. Weil es ihnen gar nicht bewusst ist, dass es ohnehin schon längst passiert. Alleine aufgrund des Mobilfunkausbaus und der Tatsache, dass fast jeder ein smart phone hat, findet schon ein gewaltiger Datenaustausch statt. Daher ist es wichtig, dass man die Vorteile und die Chancen ins Bewußtsein rückt. Datenschutz ist sehr sensibel, alleine wenn wir an das Gesundheitssystem und Gesundheitsdaten denken. Dabei ist gerade das ein wunderbares Beispiel, wie Daten nützen können. Wir neigen leider dazu uns auf die Reparatur anstatt auf die Prävention zu konzentrieren. Der Vergleich ist gewagt, aber in der Industrie kennt man längst den Begriff „predictive maintainance“. Jedes Industrieunternehmen denkt darüber nach, Probleme im Vorfeld zu beheben bzw Maßnahmen zu setzen, dass ein Produktionsausfall gar nicht passiert. Und das allerwichtigste ist doch unsere Gesundheit, also warum nutzen wir hier nicht alle Daten, die ich zur Verfügung habe, um individuelles Coaching zu designen und Präventivmaßnahmen zu setzen? Ich persönlich hätte größtes Interesse daran, dass ich nicht in der Kategorie X bin, wo es aufgrund von Studien eine standardisierte Behandlung gibt, sondern, dass es für mich eine maßgeschneiderte Lösung gibt. Diese Vorteile muss man den Menschen erklären. Aufgrund der demographischen Veränderung wird das immer wichtiger. Gerade aufgrund der Daten wird es erst möglich vor allem in der Krebsbehandlung richtig zu agieren. Es ist ein Unterschied, ob man einen 65-jährigen Mann behandelt oder eine 18-jährige Frau. Die Studien für die Medikamente kommen aber alle aus demselben Topf. Dabei müsste man aufgrund des vorhandenen Datenschatzes zielgerichtet Forschung betreiben.

Die Vorteile sind unstreitig. Es gibt aber auch viele Horrorszenarien, nicht nur in Romanen und Filmen, sondern auch in der Realität, wenn man an Chinas social scoring System denkt. Kürzlich wurde bekannt, dass ein politisch andersdenkender Journalist von Flugbuchungen und Bahnreisen ausgeschlossen wird. Ob man in den Augen des Regimes ein braver Bürger ist, entscheidet mit, ob die Kinder gewisse Schulen besuchen dürfen. Das birgt auch gewaltige Risken.

Ich glaube, dass uns zwei Themen in den kommenden Jahren begleiten werden. Ein Thema ist die Überregulierung und ein weiteres: Ethik im Zusammenhang mit dem Einsatz von künstlicher Intelligenz. Es bedarf eines Rahmenwerkes der ethischen Grundsätze.  Dabei dürfen Nutzung und Mehrwert nicht zu stark eingeschränkt werden. Ein sehr schmaler Grat. Es ist ein globales Thema, das global gelöst werden muss. Es ist ein Auftrag an Politik und Bildung. Bewußtsein muss geschärft werden dafür, dass der Umgang mit Technologie Konsequenzen hat. Ich glaube, dass in der Vergangenheit ein sehr unbewusster und unüberlegter Zugang zu Social Media forciert wurde, weil social media auf einmal da war. Daher muss man jetzt dringend im Bildungssystem ansetzen. Und damit meine ich nicht nur coding workshops, die wir übrigens auch unterstützen, sondern Umgang mit künstlicher Intelligenz. Gerade die Generation, die jetzt in Ausbildung ist, für die ist Kommunikation mittels eines chat bots ganz normal. Alexa, Cordana und Siri sind in unser aller Welt getreten und das Bewußtsein, welche Auswirkungen all das haben kann, ist viel zu wenig in unser aller Köpfe, auch bei den Jungen. Interessant ist, dass gerade Künstliche Intelligenz sehr stark die menschlichen Skills zurückbringt.

Im Bildungssystem stehen wir also einerseits vor der Herausforderung, dass wir Lehrer brauchen, die die Technik verstehen und lehren und andererseits, die den Ethikaspekt vermitteln können, im besten Fall kombiniert. Wer sollte das den Kindern beibringen?

Man muss sicher in der Ausbildung der Ausbildner ansetzen. Die Ausbildner haben übrigens in der Wertschätzung der Gesellschaft sehr verloren, das finde ich sehr schade. Und nur weil ich eine Klasse mit Notebooks ausstatte, heisst das noch lange nicht, dass ich Technologie-Kompetenz vermitteln kann. Man müsste schon in der frühkindlichen Erziehung beginnen. „The war of talents“ ist ausgebrochen. Bei jedem einzelnen Kundengespräch habe ich den Eindruck, Firmen schreien nach Talenten. Warum scheitern Digitalisierungsprojekte? Nie an der Technologie, sondern das Thema Change Management wurde nicht gelöst. Wie kann ich einer Anlagenbuchhalterin, die seit 35 Jahren eine gute Kraft im Unternehmen ist, erklären, dass Teile ihres Aufgabengebietes jetzt von Technologie übernommen wird und sie sie nun dafür aber viel wertschöpfenderen Tätigkeiten widmen kann. Da bedarf es einer sehr menschlichen Komponente. Es braucht Empathie, Zuhören, Verständnis dafür, wie ich Veränderungen in das Unternehmen bringen kann.

Apropos Wertschöpfung. Österreich geniest ein sehr hohes Niveau von Wohlstand, aber sowohl unser Land als auch Europa steht im Wettbewerb mit der ganzen Welt. Sind wir Vorreiter, Nachzügler, mittendrin in Sachen künstlicher Intelligenz?

Microsoft Österreich hat gemeinsam mit E&Y eine Studie zum Thema künstliche Intelligenz herausgebracht mit dem Titel „Mensch und Maschine“. Es ist ein sehr heißes Thema. 71% geben an, dass sich die österreichischen Unternehmen mit dem Thema beschäftigen, 28% sehen es zumindest als wichtiges Thema an, aber wirklich ein Rezept dafür, wie sie es nun angehen sollen, haben die wenigsten. Künstliche Intelligenz ist ein Thema, das im österreichischen Markt angekommen ist, aber jeder scheint nach einem Rezept zu gieren. Das kann es aber nicht geben, weil es ein sehr individuelles Thema ist. Hier muss es einmal einen Push geben, einfach zu machen. Das ist aber nicht Teil der europäischen Mentalität, da wir diese berühmte Kultur des Scheiterns nicht haben. Es fehlt uns oft der Mut einfach Dinge auszuprobieren, das ist nicht in unserer DNA.

Ist das in anderen Ländern offensiver?

Die Niederlande, Dänemark und Schweden sind hier sicher voraus, auch in traditionellen Industrien. Bei uns ist die Mentalität eher zu sagen, wenn etwas gut läuft, wieso soll ich dann etwas ändern? Wir wollen Dinge produzieren in Europa, in Österreich, so haben wir unseren Wohlstand geschaffen. Und jetzt geht es sehr stark in Richtung service industrie. Das ist ein extremer Sprung, aber man darf die Zeichen der Zeit nicht verschlafen. Viele haben versucht, in ihrem bestehenden Unternehmen ein start up zu gründen, aber das ist auch kein Allheilmittel. Das start up dann als eigene Blase zu betrachten, aber den Pioniergeist dann nicht in die Unternehmenskultur zu tragen, wird nicht funktionieren. Ich wünsche mir mehr Lust am Ausprobieren, eine bessere Fehlerkultur und mehr Mut zu „Raus aus der Komfortzone“.

Apropos wünschen. Die Politik schafft die Rahmenbedingungen unseres Lebens – was wünschen Sie sich von der Politik?

Den Mut Gestaltungs- und Veränderungswillen in die Zukunft zu tragen. Das sollte auch in politische Vorhaben und Entscheidungen integriert werden. Den Mut, sich bewußt zu hinterfragen und Dinge zu verändern, um weiterzukommen.