Äthiopien: Hilfe zur Selbsthilfe

Anfang Februar war ich gemeinsam mit einer kleinen Delegation für zwei Tage in Äthiopien. Äthiopien – das eines der ärmsten Länder der Welt ist, mit 99 Millionen Einwohnern - steht heute vor großen Herausforderungen. Dazu zählen extreme Dürre, schlechte Wasserversorgung, mangelnde Stromversorgung und Infrastruktur sowie Lebensmittelknappheit. Ein Zustand der dazu führt, dass 10  Millionen Menschen von einer Hungerkatastrophe direkt betroffen sind. Heuer könnte die Zahl aufgrund von Ernteausfällen, Schätzungen der äthiopischen Regierung zufolge, auf mindestens 18 bis 20 Millionen Menschen steigen, die auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen sind.
Bundesminister Sebastian Kurz mit dem Premierminister von Äthiopien, Hailemariam Desalegn. © Dragan Tatic.

Bundesminister Sebastian Kurz mit dem Premierminister von Äthiopien, Hailemariam Desalegn. © Dragan Tatic.

Die dramatische Ernährungssituation in Äthiopien ist schon jetzt die drittgrößte Krise weltweit, nach Jemen und Syrien. Obwohl die Lage aufgrund der Ernährungskrise bereits mehr als prekär ist, nimmt das Land zusätzlich die meisten Flüchtlinge in Afrika auf: rund 800.000 Asylsuchende sind es aktuell, der Großteil dieser Asylsuchenden stammt aus den Nachbarstaaten Südsudan, Somalia und Eritrea. Das somalische Flüchtlingslager Kebribeyah konnte ich während den Terminen in Äthiopien besuchen – dort leben derzeit rund 14.000 Flüchtlinge.

ÖSTERREICHISCHE ENTWICKLUNGSZUSAMMENARBEIT

Äthiopien ist ein Schwerpunktland der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit. Um in diesem Ausnahmejahr und unter diesen außergewöhnlichen Belastungen rasch und unbürokratisch noch mehr helfen zu können und alles zu tun, um einer dramatischen Ernährungskrise entgegenzuwirken, haben wir ein österreichisches Hilfspaket um 6,6 Millionen Euro für die aktuelle Krise geschnürt. Davon gehen drei Millionen an ein EU-Projekt und 2 Millionen an ein von der Weltbank verwaltetes Projekt. Beide Projekte befassen sich mit der Nahrungsmittelsicherheit und sollen vor allem ländliche Haushalte, die chronisch unter Nahrungsmittelknappheit leiden, unterstützen.

© Dragan Tatic

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Weitere 0,8 Millionen werden aus dem Auslandskatastrophenfonds (AKF) österreichischen Hilfsorganisationen zur Verfügung gestellt. Mit diesem Geld können rund 13.000 Kinder unterstützt, 20.000 Haushalte mit Saatgut versorgt werden und 5.000 Frauen je zwei Stück Kleinvieh über einen Zeitraum von 8 Monaten erhalten. Mit 500.000 Euro aus den Mitteln der Ernährungshilfe unterstützt auch das Lebensministerium Äthiopien in der aktuellen Situation.

DIE ORGANISATION „MENSCHEN FÜR MENSCHEN“ KONZENTRIERT SICH BEI IHRER HILFE SPEZIELL AUF DIE „HILFE ZUR SELBSTHILFE“.

Während der beiden Tage in Äthiopien konnten wir uns auch ein Bild des „Agro-Technical and Technology College (ATTC)“ der Hilfsorganisation „Menschen für Menschen“ in Harar machen. Das Hilfsprojekt der Organisation, die von Karlheinz Böhm ins Leben gerufen wurde, bietet jungen Menschen in Äthiopien eine fundierte Ausbildung im Bereich Technik und Agrarwissenschaften und ist eine nachhaltige Investition für das Land: Die Organisation „Menschen für Menschen“ konzentriert sich bei ihrer Hilfe speziell auf die „Hilfe zur Selbsthilfe“, bei der Maßnahmen gemeinsam mit der Bevölkerung umgesetzt werden. Nur so können Projekte langfristig erfolgreich verankert und den Menschen in Äthiopien eine Perspektive gegeben werden.

© Dragan Tatic

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Wir brauchen einen Systemwechsel hin zur Hilfe vor Ort, statt dem Glauben, alle in Europa aufnehmen zu können.

Sebastian Kurz, Bundesminister für Europa, Integration & Äußeres

Unser gesamtes Engagement in Äthiopien ist extrem entscheidend, nicht nur um vor Ort zu helfen, sondern auch um zusätzliche Migrationsströme nach Europa zu verhindern. In den Regionen, in denen die Ärmsten der Armen leben, kann auch ein großer Migrationsdruck gerade nach Europa entstehen. Wir dürfen nicht den Fehler machen, in Europa den Anschein zu erwecken, dass wir alle Menschen aufnehmen können, denn dann wird Afrika der nächste Kontinent sein, von dem sich Menschen auf den Weg nach Europa machen. Wir brauchen statt dem Glauben, alle in Europa aufnehmen zu können, den Systemwechsel hin zur Hilfe vor Ort – davon bin ich überzeugt.