© Kerstin Pukall

Gehende stehen nicht

Das schöne deutsche Bundesland Thüringen besticht nicht nur durch seine berühmten Wälder, sondern ab sofort auch durch seine gendersensible Amtssprache. Gerade arbeite man im Kabinett an einem Beschluss in dieser Sache. Derweil hat die Gleichstellungsbeauftragte des Landes schon Vorarbeit geleistet. Nachdem ich nachgelesen hatte, warum die gendersensible Sprache gerade Frauen so wahnsinnig nutzt, möchte ich mich hiermit als Frau explizit bei Frau Christ-Eisenwinder, auch bekannt als Gleichstellungsbeauftragte von Thüringen, persönlich bedanken.  Endlich muss ich wenigstens beim Besuch in Thüringen nicht mehr so viel denken als Frau.

Das ist sicher für Viele eine unheimliche Erleichterung, vor allem unter den linken Politikerinnen in Thüringen. Die Dame mit dem freundlichen Doppelnamen-Kurzhaarschnitt begründet die Umstellung auf gendersensible Sprache nämlich damit, dass die Verwendung nur der männlichen Form im Plural (was ja keine männliche Form ist, sondern das generische Maskulinum, das aber nur am Rande und für Menschen, die sich noch rudimentär für deutsche Grammatik interessieren) –  jedenfalls, dass die reine Verwendung dieser Form uns Frauen eine „ständige Übersetzungsleistung“ abfordere.  Und genau davor hat sie uns Frauen jetzt fortan bewahrt. Wir müssen nicht mehr ständig überlegen, ob wir gemeint sind oder nicht. All die Selbstzweifel und Unsicherheiten, ob ich als Bürger dieses Landes irgendwie auch etwas zu melden habe, obwohl dort gar nicht Bürgerin steht und ich doch Wählerin bin, endlich hat es ein Ende.

DANKE ALSO NACH THÜRINGEN

Danke also nach Thüringen und explizit an die Partei der Linken, dass sie ihrer langjährigen Geschäftsführerin Katrin diese wichtige Aufgabe übertragen hat, mehr Freiheit vom Denken für uns Frauen zu schaffen.  Im Nachhinein ist es mir ein Rätsel, wie ich überhaupt als Frau mein Abitur in Baden-Württemberg geschafft habe, obwohl in allen Schreiben der Schule nur von den „Abiturienten“ die Rede war, ich mich aber glücklicherweise mit angesprochen fühlte. Intuitiv wohl was richtig gemacht. Früher sagte man, das sei weibliche Intuition, heute ist das sexistisch. Und würde vermutlich auch nicht die Checkliste der Gleichstellungsbeauftragten in ihrem Empfehlungsschreiben überleben. Schließlich soll man laut Anweisung auf „geschlechtsstereotype und klischeebesetzte  Formulierungen“ verzichten. Wenn ich also sage, dass genderbewegte Feministinnen in der Regel Doppelnamen tragen und Kurzhaarschnitt, dann ist das klischeebehaftet und stereotyp, oder aber auch einfach wahr, wie man beispielsweise an Frau Christ-Eisenwinder sehen kann.

Wie man hört, soll in Thüringen jetzt auch, wie bereits in anderen Bundesländern geschehen, das Studentenwerk endlich in „Studierendenwerk“ umbenannt werden. Wie ich gerade erst am Wochenende erfuhr, hat die gleiche Aktion alleine in Mannheim beispielsweise 150.000 Euro gekostet. In Thüringen taxiert die CDU-Opposition die Kosten der Namensumbenennung auf rund 200.000 Euro, was ich damit für ziemlich niedrig angesetzt halte, und lehnt das Ganze ab.  Ein Name ist ja schließlich nicht nur Schall und Rauch. Im Fall der Studentenwerke die jetzt Studierendenwerke werden, steht  er  vor allem dummerweise überall drauf und muss nun geändert werden: Auf Türschildern, Wegweisern, Broschüren, in neuen „Studierendenausweisen“, Grundbucheinträgen der „Studierendenwohnheime“, auf Homepages, Visitenkarten usw. Macht ja nichts, Thüringen hat das Geld ja rumliegen. Gönnt euch was!

Ich freue mich jedenfalls schon auf die kommenden Gendenktage, wenn die Damen und Herren Genossinnen und Genossen und die Parteimitgliederinnen und Parteimitglieder der Linken sowie die Grüninnen und Grünen und die Antifaschistinnen und Antifaschisten etwa bei den nächsten Friedensdemos ihre Plakate einmal ganz gendergerecht gestalten:

Soldatinnen und Soldaten sind Mörderinnen und Mörder!

Also wenn schon, dann richtig. Möglicherweise muss man zwei Plakate dafür verwenden, wenn es auf eines nicht mehr drauf passt. Schade, dass die Ostermärsche dieses Jahr schon vorbei sind, das hätte ich gerne gesehen.

DER STUDIERENDE IST ALSO NUR SO LANGE EIN STUDIERENDER, SOLANGE ER GERADE DABEI IST ZU STUDIEREN. GEHT ER AUFS KLO ODER SCHLÄFT ZU HAUSE, IST ER GERADE KEIN STUDIERENDER SONDERN EIN SCHLAFENDER ODER EIN AUF DEM KLO SITZENDER.

Im Empfehlungsschreiben der linken Gleichstellungsbeauftragten wird also angemahnt, die Doppelnennung wie etwa Bürgerinnen und Bürger zu verwenden oder alternativ eine geschlechtsneutrale Formulierung zu wählen. Warum versteht es nur niemand, auch nicht in Thüringen und schon gar nicht in den Gleichstellungsbüros?  Worte wie „Studierende“ oder „Teilnehmende“ sind grammatikalisch falsch. Sie sind nicht geschlechtsneutral, sondern falsch.  Sie beschreiben in korrekter deutscher Grammatik eine Tätigkeit die gerade in diesem Augenblick durch eine Person ausgeführt wird. Ich bin also gerade eine Schreibende, während Sie verehrte Leser gerade Lesende sind. Wenn sie fertig sind, sind sie keine Lesenden mehr, denn Sie sind ja fertig.  Ich hingegen war als Schreibende schon vor Ihnen fertig, sonst hätten Sie ja gar nicht Lesende sein können. Logisch. Der Studierende ist also nur so lange ein Studierender, solange er gerade dabei ist zu studieren. Geht er aufs Klo oder schläft zu Hause, weil er keinen Bock auf die Uni hat, ist er gerade kein Studierender sondern ein Schlafender oder ein auf dem Klo Sitzender. Aber warum soll man das im Gleichstellungsbüro von Thüringen verstehen, wenn auch das Bundesverkehrsministerium das nicht versteht.

Dort wurde ja bekanntlich schon vor zwei Jahren auf gendersensible Sprache umgestellt, weil der Verkehr nicht nur im Schlafzimmer sondern auch auf der Straße mehrheitlich sowohl von Männern als auch von Frauen  und immer wieder auch gemeinsam ausgeübt wird. Man sah sich also auch dort offensichtlich genötigt, den Verkehr geschlechtsneutral und modern anzupassen. Seither heißt es im Bundesverkehrsministerium nicht mehr Radfahrer, sondern „Radfahrende“ und auch nicht Autofahrer  sondern „Autofahrende“ und auch nicht Fußgänger sondern „zu Fuß Gehende“. Get it: Der Fußgänger, der gerade an der Ampel steht ist kein Zufußgehender, sondern allerhöchstens ein „Anderampelstehender“. Er geht nämlich gerade nicht, er steht!

VON GENDER_GAP UND GENDER*STAR WIRD ABGERATEN

Die Gleichstellungsbeauftragte rät übrigens von der Verwendung des sogenannten Gender_Gaps, also dem Unterstrich und auch dem Gender*Star, dem gendervielfältigen Sternchen mitten im Wort ab, weil das eher zu Missverständnissen und Unverständnis führen kann. Das finde ich sehr löblich, ich bin aber sehr gespannt, wie der grüne Koalitionspartner das Ganze findet. Die Grün*Innen haben schließlich auf ihrem Bundesparteitag  in einem Anfall von Wahnsinn im vergangenen Herbst beschlossen, nur noch mit Gender*Star zu schreiben. Außerdem sehen das bei weitem nicht alle staatlichen Stellen so. Der Diversity-Leitfaden für Verwaltungen von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, benutzt ganz sensibel und explizit den Gender_Gap und reiht sich damit nur ein in eine wahre Vielfalt von einschlägigen Broschüren zum Thema sexuelle Vielfalt und Gender.

Was übrigens passiert, wenn man die Verwaltung dazu nötigt, in allen hoheitlichen Schriftstücken genau das zu tun, was man in Thüringen jetzt plant – entweder eine geschlechtsneutrale Formulierung oder die Doppelnennung zu nutzen, kann man sich in Nordrhein-Westfalen anschauen, denn das führt derweil zu anderen Stilblüten.

AUCH UNSERER SCHULVERWALTUNG IST DIE DOPPELNENNUNG OFFENSICHTLICH LÄSTIG, SO DASS MAN ES EINFACH ZUSAMMENKÜRZT.

Da wir in diesem ebenfalls gendersensibel grün und rot geführten Bundesland – wir haben sogar eine grüne „Emanzipationsministerin“ –  nicht nur wohnen sondern auch vier Kinder auf der Schule haben, bekommen wir als Eltern stetig Post von selbigen. Kürzlich taucht darin die Abkürzung SuS auf, sinniger Weise ohne Erklärung. Die SuS sollen dies und die SuS sollen das. Die SuS werden dazu angehalten, dies und jenes zu machen und die Eltern der SuS, das waren offensichtlich mein Mann und ich, sollen anders tun. Nun habe ich das Pech, mich immer wieder beruflich mit den Auswüchsen von Gender-Politik befassen zu müssen, in diesem Fall war es hilfreich, denn schon nach kurzer Internet-Recherche konnte ich dankenswerter Weise herausfinden, was die Schule uns sagen will. SuS sind Schülerinnen und Schüler. LuL sind also Lehrerinnen und Lehrer. Auch unserer Schulverwaltung ist die Doppelnennung offensichtlich lästig, so dass man es einfach zusammenkürzt. Nun nennen Sie mich ruhig kleinlich, aber mir ist ein Text lieber, in dem steht, dass die Lehrer am Montag von jedem Schüler 10 Euro für die Klassenfahrt einsammeln, als der Hinweis, dass die LuL das Geld von den SuS kassieren.

Wenn Sie also in Thüringen als Mitglieder der Stadtverwaltung demnächst ein Schreiben bekommen, in dem die MuM aufgefordert werden etwas zu tun, dann ist damit nicht gemeint, dass Sie sich eine Flasche dieser halbtrockenen Sektplörre reintun sollen,  Sie werden damit lediglich als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zeitrational und platzsparend im Schriftstück angesprochen.

WIR SIND AUCH WUW

Kleiner Tipp nach Thüringen an die PuP (Politikerinnen und Politiker): Wenn Sie demnächst wieder einmal eine grandiose Idee haben, wie sie den BuB (Bürgerinnen und Bürger) das Leben schwer machen können, denken Sie immer daran, wir sind auch WuW (Wählerinnen und Wähler).