© Kerstin Pukall

Spitzenvaeter24.de

„Spitzenväter“ – Die Auszeichnung wurde vor wenigen Tagen an zwei Väter aus Hannover und Köln verliehen für die großartige Leistung, sich um ihre Kinder zu kümmern und zu ermöglichen, dass ihre Ehefrauen beruflich erfolgreich sind. Der Preis wird seit Jahren von der Mestemacher-Gruppe, einer Großbäckerei, verliehen. Schirmherrin für den Preis, der die „Stärkung der Leistungs- und Wettbewerbskraft von Wirtschaft und Unternehmen“  und die „Erhöhung des Anteils von Zweiversorgerehen“ zum Ziel hat,  ist gar Familienministerin Manuela Schwesig.

ANWÄRTER AUF DEN SPITZENVÄTERPREIS 2017

Diese lebt derzeit geradezu vorbildlich vor, wie eine moderne partnerschaftliche Beziehung der Zukunft zu sein hat. Demnächst wird sie wie angekündigt nach wenigen Wochen Babypause wieder in ihr Ministerium zurückkehren, während ihr Ehemann als Spitzenvater zu Hause bleiben wird, um sich um Baby Julia zu kümmern und somit sicher automatisch ein heißer Anwärter auf den Spitzenväterpreis 2017 ist.

Fast kullerten mir ein paar Tränen der Rührung über die Wangen angesichts der Preisverleihung für diese heroischen, männlichen Taten, täglich für Butterbrote, frische Wäsche, ein Mittagessen, aufgeräumte Kinderzimmer und gemachte Hausaufgaben gesorgt zu haben. Möglicherweise haben sie auch die Spülmaschine ausgeräumt und die Tochter zum Klavierunterricht gebracht und als Bonuspunkt auf dem Rückweg das Chanel-Kostümchen ihrer Ehefrauen aus der Reinigung abgeholt. Toll, wie modern und partnerschaftlich, gibt es eigentlich irgendwo eine staatliche Stelle, wo solche Männer an heiratswillige Frauen vermittelt werden? Spitzenvaeter24.de, die Börse für den paarungswilligen und partnerschaftlichen Mann von heute.

SIEBENEINHALB STUNDEN EINSATZ FÜR HAUSHALT UND KINDER

In der offiziellen Stellungnahme heißt es zu dem einen Preisträger, er kümmere sich im Schnitt siebeneinhalb Stunden am Tag um seine beiden Söhne und ermögliche damit seiner Partnerin das berufliche Fortkommen. Ich bin sofort losgelaufen, um die Stoppuhr aus der Küche zu holen, mit der ich täglich meine Quality-Time in Haushalt und Familie aufzeichne. Meine zeigte erst 2:30 Stunden, ich muss also noch ein bisschen ran, um mein Soll als Spitzenmutter für heute noch zu erfüllen. Aber zumindest war mir klar, bei siebeneinhalb Stunden Einsatz für Haushalt und Kinder lohnt doch ein genauerer Blick auf dieses männliche Prachtexemplar.

Und siehe da, es findet sich der gesamte Lebensentwurf von Patrick, inklusive innerer Einstellung, das sollte auch bei Spitzenvaeter24.de eine eigene Rubrik bekommen. Die ist nämlich wichtig, um diesen Preis der Mestemacher-Gruppe überhaupt zu bekommen. Schließlich steht in den Anforderungen für die Bewerbungsunterlagen:

Der Spitzenvater wirkt situationsbedingt mit bei der Kleinst-, Klein- und Schulkinderbetreuung und deren altersgemäßer Förderung. Er handelt aus innerlicher Überzeugung (!) und stimmt mit der Mutter darin überein (!), dass die Fähigkeit flexiblen Verhaltens die berufliche und die familiäre Leistungsfähigkeit erhalten.

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Und wer möchte schließlich nicht Teil einer „leistungsfähigen“ und flexiblen Familie sein und einen Partner haben, der bedingungslos zustimmt? Doch wir erfahren noch viel mehr von Patrick, er

akzeptiert Frauen (wie Männer) mit ihrer Sozialisation, ihren Stärken und Schwächen, ihrer Kommunikationsweise, auf die er flexibel und verständnisvoll reagiert. Sein Handeln ist daran orientiert, die daraus resultierenden Bedürfnisse in Einklang zu bringen, so dass jede und jeder unabhängig vom Geschlecht Entfaltungsmöglichkeiten hat. Gibt es Zuschreibungen analog alter Rollenmuster wie „der Mann ist fürs Auto zuständig, die Frau für die Kinderkleidung“ überprüft Patrick kritisch die Aufgabenteilung danach, ob sie von den aktuellen Interessen der Beteiligten abgeleitet ist oder auf dem geschlechtsspezifisch geprägten Sozialisationspfad beruht.

DAS HAST DU GANZ BRAV GEMACHT PATRICK!

Das hast du ganz brav gemacht Patrick! Diese überzeugende, innere Einstellung hängt vermutlich damit zusammen, dass seine Partnerin nicht nur „Vollzeitarbeitnehmerin“ sondern in ihrem Betrieb auch Gleichstellungsbeauftragte ist. Gleichzeitig könnte diese Definition und das beispielhafte Reflexionsvermögen von Patrick als Lernmaterial verwendet werden für mögliche Fortbildungskurse bei Spitzenvaeter24.de, wenn Mann seine Paarungschancen erhöhen und mit häuslichen Qualitäten punkten will.

Ich traute mich kaum, auf der Homepage der Mestemacher-Gruppe auch weiter zu Christoph zu lesen, der mir dann spontan aber sympathischer war als Vater von vier Kindern:

Christoph fühlt sich in den verschiedensten Rollen wohl. Er ist feinsinniger Handwerker in seiner Werkstatt, stolzer vierfacher Familienvater, ein fleißiger und gewissenhafter Hausmann, der den Besen schwingt und die Einkaufstaschen trägt

DIE MEDIALE LOBHUDELEI NERVT

– Ja, da steht wirklich: „Ein fleißiger und gewissenhafter (!) Hausmann, der den Besen schwingt und die Einkaufstaschen trägt“.  Nun möchte ich den Preisträgern zu Gute halten, dass sie diese schwachsinnigen Fremdschäm-Texte höchstwahrscheinlich nicht selbst verfasst haben, auf denen nur noch die Angabe fehlt, ob sie auch sauber und anschmiegsam sind. Und vermutlich sind sie auch ganz großartige Väter, das Thema ist aber ein anderes.

Denn  ich habe nichts gegen Väter, die sich um ihre Kinder kümmern und sich den Haushalt mit ihren Frauen teilen. Genaugenommen finde ich es großartig, denn ich bin mit so einem Exemplar sogar verheiratet. Es nervt allein die mediale Lobhudelei, denn diese Männer tun einfach das, was Hunderttausende von Frauen täglich tun. Ohne bei der amtierenden Familienministerin dafür ein Grußwort zu kassieren. Denn als Frauen müssen wir uns von der gleichen Ministerin ständig anhören, dass wir nicht modern und nicht „partnerschaftlich“ leben, wenn wir das tun, wofür Männer hier sogar einen Preis bekommen.

IN DER REGEL SIND HAUSFRAUEN NICHT UNTERWEGS ZU EINEM PREIS, SONDERN AUF DEM DIREKTEN WEG IN DIE ALTERSARMUT.

Frauen gehen auch nicht über Los und ziehen 5.000 Euro Preisgeld ein dafür, dass sie selbstverständlich morgens aufstehen und ihren Job als Mutter und Hausfrau erledigen und ja, in der Tat, nicht selten erst dafür sorgen, dass ihre Männer Spitzenjobs bekleiden. Denn irgendjemand versorgt ja auch bei den Spitzenkarrieremännern deren Kinder und den Haushalt und holt die Hemden und Anzüge aus der Reinigung. In der Regel sind Hausfrauen mit der gleichen Tätigkeit, die hier prämiert wird, aber nicht unterwegs zu einem Preis, sondern stattdessen auf dem direkten Weg in die Altersarmut.

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Ein Schema das wir schon vom Herd kennen. Denn einerseits geraten gerade gleichstellungsbewegte Damen enorm in Verzückung, wenn ein Mann für seine Kinder oder gar die ganze Familie kocht. Und täglich kochen sich in TV-Shows Menschen Richtung Wahnsinn. Wir lassen Kinder in Schulen lernen, wie man kocht und preisen das frisch geraspelt Gemüse und selbst bereitete Kuchen und Mahlzeiten. Selbst Kitas, die nicht Kantinenessen  vorlegen, sondern sich eine Küchenkraft leisten, dürfen mit Lob rechnen. Eigentlich alle in diesem Land, die noch selbst anpacken und nicht die Mikrowelle für Fertigmahlzeiten bemühen – es sei denn man ist eine Mutter, die für ihre eigenen Kinder kocht. Dann ist es natürlich ganz schlimm, denn dann ist sie ja ein unemanzipiertes Heimchen am Herd.

KEIN ROLLENTAUSCH SONDERN PARTNERSCHAFTLICHE BERUFSTÄTIGKEIT

Auf dem Weg in die Altersarmut wären übrigens auch die Spitzendaddys Patrick und Christoph, wenn sie echte Hausmänner analog zur Hausfrau wären. Sind sie aber nicht, denn dann hätten sie den Preis nicht bekommen und auch nicht die wärmenden Worte der Ministerin. Der Preis soll ja diejenigen auszeichnen, die „partnerschaftlich“ auf eine „Zweiversorgerehe“ hinarbeiten. Das heißt, es wird von den Männern kein echter Rollentausch erwartet, sondern einfach nur die Reduktion ihrer Erwerbstätigkeit für eine Weile, danach sollen aber beide Eltern ganz partnerschaftlich berufstätig sein. Also genau das, was derzeit als Rollenerwartung an Mann und Frau im Land propagiert wird, deswegen wurde das einjährige Elterngeld eingeführt.

Da man dies den Männern aber schmackhaft machen muss, bekommen sie im Schnitt 1.140 Euro Elterngeld und Frauen mit 701 Euro nur gut 60 Prozent davon. Sie erhalten also für die Erziehung ein und desselben Kindes, unterschiedliche Summen. Wie war das nochmal mit „Gleiches Geld für gleiche Arbeit….“? Der Gendergap zwischen Mann und Frau, der erst kürzlich zum Weltfrauentag so beklagt wurde, liegt beim Elterngeld bei über 38 Prozent zwischen Vätern und Müttern. Das stört aber niemanden, wirft aber die Frage auf, ob wir noch viele Spitzenväter wie Patrick und Christoph hätten, würde man sie ebenfalls mit den 300 Euro Mindestbetrag abspeisen, den viele Mütter im Vergleich nur an Elterngeld bekommen.

KINDERERZIEHUNG DURCH MÄNNER ERFÄHRT GESELLSCHAFTLICHE ANERKENNUNG

Und so muss man nüchtern feststellen, dass die Gleichstellungspolitik seltsame Blüten treibt, wenn man bedenkt, dass derzeit die Kindererziehung durch Männer finanziell deutlich besser gefördert wird, als die gleiche Arbeit durch Frauen, man uns das aber als Frauenpolitik verkauft. Dass die Kindererziehung durch Männer gesellschaftliche Anerkennung erfährt, während sich Frau für die gleiche Tätigkeit als unambitioniert, unemanzipiert oder gar unproduktiv beleidigen lassen muss.

Wenn ein Mann sich modern emanzipiert, reduziert er seine Erwerbstätigkeit und darf mehr Zeit mit den Kindern verbringen. Will eine Frau als emanzipiert gelten, muss sie ihre Erwerbstätigkeit ausweiten, möglichst eine richtige Karriere hinlegen, darf weniger Zeit mit den Kindern und der Familie verbringen, muss aber dennoch ihre Pflichten im Haushalt erfüllen. Preise bekommt sie als Managerin des Jahres, er als Hausmann des Jahres.

GLEICHSTELLUNGSORIENTIERTE EMPÖRUNGSBEAUFTRAGTE

Man stelle sich mal vor, in diesem Land würde von einem Unternehmen ein Preis verliehen an eine Hausfrau, „weil sie sich engagiert um ihre Kinder kümmert und die Karriere ihres Partners unterstützt“. Man stelle sich vor, ein Unternehmen würde dann noch lobend erwähnen, dass sie eine „fleißige und gewissenhafte“ Hausfrau sei, die „den Besen schwingt und die Einkaufstaschen trägt“. Die könnten zu machen.

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Wir hätten erste Stellungnahmen von gleichstellungsorientierten Empörungsbeauftragten. Die ARD-Tagesschau würde einen Hintergrundbericht bringen, illustriert mit einer schwarz-weiß-Hausfrau aus einer Waschmittelwerbung aus den 60ern. Die Marketingabteilung des Unternehmens wäre bereits entlassen, man würde sich öffentlich entschuldigen, Frauen für derart sexistische Klischees missbraucht und auch noch ausgezeichnet zu haben und sofort eine betriebsinterne Frauenquote nebst Unternehmens-Kita einführen.

MIR SIND DIE NORMALEN VÄTER LIEBER, DIE KEIN EXTRALOB ERWARTEN FÜR SELBST-VERSTÄNDLICHKEITEN

Und deswegen sind mir die normalen Väter lieber, als die Spitzenväter. Diejenigen, die täglich zu Hunderttausenden kein großes Aufheben darum machen, dass sie sich heute um die Kinder gekümmert haben. Die kein Extralob erwarten für Selbstverständlichkeiten. Ich mag auch die Väter, die täglich als Ernährer einer Familie große Verantwortung tragen und nicht selten durchaus darunter leiden, dass sie ihre Kinder deswegen nur wenig sehen. Auch sie sind gute Väter. Es kann ja nicht sein, dass die hochgelobte „Vollzeiterwerbsmutter“ dafür gelobt wird, was sie tut, während der Vater, der das gleiche tut, dafür als Emanzipationsverweigerer gescholten wird.

Ich mag auch die Väter, die zu schätzen wissen, dass sie morgens immer frische Wäsche vorfinden und abends eine warme Mahlzeit. Ich mag die Väter, die uns als Frauen zwar auch mal in den Wahnsinn treiben, aber im Grunde einfach das sind, was sie auch sein dürfen: Väter, die keine besseren Mütter sein wollen, sondern einfach gute Väter.