5 G an jeder Milchkanne.

In ihrer Aschermittwochsrede im November 2018 plädierte die deutsche Forschungsministerin Anja Karliczek für einen Kompromiss beim Ausbau des 5G-Kommunikationsnetzes: “5G ist nicht an jeder Milchkanne notwendig” und weiter: “Um in die Fläche zu gehen, können wir uns ein bisschen Zeit lassen.”

Diese Einstellung der Politik zum Ausbau der digitalen Infrastruktur schlägt sich bereits in der Netzqualität nieder, wie eine erst kürzlich im CHIP-Magazin veröffentlichte Studie[1] zeigt. Im internationalen Vergleich, heißt es dort, verlieren die deutschen Netze an Boden, während die Österreicher aufsteigen. Zudem wird in diesem Artikel dem deutschen Netzausbau eine gewisse Stagnation attestiert.

Die Vernachlässigung des Netzausbaus und der Digitalisierung gefährdet, zusammen mit den großen Schwächen des derzeitigen Bildungssystems und der demografischen Entwicklung, den Technologiestandort Deutschland.

Wie eng die Qualität des Netzausbaus mit der Wettbewerbsfähigkeit einer Region und dem dortigen Nachwuchs an Fachkräften für digitale Technologie und Geschäftsmodelle zusammenhängt, lässt sich vergleichen, wenn man die Innovationsleistung von Unternehmen in Ländern wie Bayern oder Baden-Württemberg mit jenen in Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern betrachtet. Der Wechselwirkung zwischen privater Erlebniswelt und Innovationskraft in den Unternehmen kommt dabei eine besondere Bedeutung zu.

Absolut gesehen bewertet die Studie den Zustand der Netze in und um Ballungsräume herum als gut bis sehr gut. In der Fläche jedoch kämpfen Unternehmen und Private mit ausgedehnten Funklöchern und geringen Downloadraten. Eine zuverlässige Kommunikation mit mobilen Endgeräten ist kaum darstellbar. Digitale Technologien, die eine permanente Verfügbarkeit eines Netzes oder hohe Downloadraten voraussetzen, werden kaum genutzt. Potentiellen Nutzern digitaler Technologien fehlen Anreiz und Erfahrung in der Nutzung bestehender Angebote. Es fehlt es „in der Fläche“ an Vorbildern für die erfolgreiche Nutzung digitaler Technologien und weiterführend an Innovationsimpulsen. Die Entwicklung datenbasierter Geschäftsmodellen gerät ins Stocken.

Aufgrund der mangelnden Erfahrung in der vernetzten Welt bestehen in weiten Teilen der Bevölkerung erhebliche Unsicherheiten im Umgang mit digitaler Technologie und eine generelle Skepsis gegenüber YouTube, NetFlix oder Twitter. Die Bedeutung dieser Online-Medien für die Entwicklung der Heranwachsenden wird von der Elterngeneration teilweise nicht erkannt und nicht gefördert. Darüber hinaus verfügen Schulen „in der Fläche“ oftmals nicht über hinreichend qualifiziertes Personal und die erforderliche Infrastruktur, um die Heranwachsenden den Zugang zu Internet-basierten Technologien und eine adäquate Nutzung der Online- Medien zu erleichtern. Viele Jugendliche müssen sich den Umgang mit IT-Technologien weitgehend selbst erschließen. Die Entscheidung für einen Beruf oder ein Studium im digitalen Umfeld fällt in diesen Regionen seltener und verstärkt den Fachkräftemangel zusätzlich.

Ein unzureichender Netzausbau kann die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen direkt und indirekt beeinträchtigen. Direkte Wettbewerbsnachteile entstehen durch Beeinträchtigungen im Datenaustausch und mobiler Kommunikation. Nicht ganz so offensichtlich, aber doch entscheidend sind indirekte Nachteile. So berücksichtigen Entwicklerinnen und Entwickler, die sich täglich mit der digitalen Vernetzung ihrer Umwelt auseinandersetzen, beispielsweise bereits im Anforderungsprofil künftiger Produkte die Implementierung von Hard- und Software zum Erfassen, Verarbeiten und Übertragen von Daten. Sie beziehen die Schnittstellen zu angrenzenden Dienstleistungen in die Überlegungen ein und gestalten begleitende Dokumente in zukunftsfähigen Formaten. Ingenieure „in der Fläche“ haben hier einen deutlich schlechteren Stand, weil ihnen oftmals die Erfahrung aus der vernetzten Welt fehlt. Die Innovationskraft – und somit Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen – hängt demnach erheblich von der Exposition ihrer Mitarbeiter/innen zu vernetzten Technologien ab.

Chancengleichheit für die Menschen und Unternehmen kann daher nur hergestellt werden, wenn die Versorgung mit leistungsfähigen Netzen an jedem Ort Deutschlands und Europas in gleichem Masse gewährleistet ist. 5G an jeder Milchkanne ist daher mehr als begrüßenswert. Zeitgleich in allen Regionen.

[1] Mobilfunknetze im Drei-Länder-Test, CHIP Magazin, Ausgabe 05/2019, S. 40-42