© Kerstin Pukall

Der Weltfrauentag braucht eine neue Agenda

Ich gestehe, noch vor zwei Jahren hatte ich mich anlässlich des Weltfrauentages zu einer Kolumne hinreißen lassen, mit dem Tenor, dass wir diesen Tag nicht mehr brauchen. Weil er nervt und wir doch alles erreicht haben und weil es nicht mehr darum gehen kann, dass Frau sich weiterhin in der Opferrolle suhlt, obwohl sie doch in vielen Bereichen wirklich auf der Sonnenseite steht. Ich wollte nicht dazugehören, zu den spaßfreien Doppelnamen-Damen mit praktischem Kurzhaarschnitt und dem Gesicht zur Faust geballt, die immer noch in den 60ern denken, obwohl ich damals noch nicht einmal geboren war.

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Ich will immer noch nicht zu ihnen gehören, weil sie sich immer noch am falschen Feind, dem Mann, abarbeiten. Weil sie sich ganz dämlich auch noch ihr letztes Hemd gerade von einer Gender-Bewegung abnehmen lassen, die ihnen nicht nur die Themen, sondern auch die Budgets gerade streitig machen und es nicht einmal merken. Ich will auch nicht zu denen gehören, die sich in Debatten über gendergerechter Sprache, Ampelweibchen, Unisextoiletten und Quotierung von Straßennamen verlieren und die ganz normale Frau längst aus den Augen verloren haben, weil sie ja nur eines von 4.000 Geschlechtern ist.  Und doch müssen wir über den Frauentag noch einmal neu denken und sprechen. Ich nehme nicht alles zurück, aber eines ist klar: Wir brauchen ihn leider wieder, mehr denn je.

BLUMEN FÜR DIE LEHRERINNEN

Erste Erfahrungen mit dem Internationalen Frauentag machte ich bereits in Rumänien, wo ich meine Kindheit verbrachte. Damals sollten wir unseren Lehrerinnen Blumen mitbringen, ein bisschen Muttertag light im kommunistischen Gleichschritt. Die Blumen für meine Lehrerin hab ich gerne gebracht, das System hat es aber nicht verändert.  Stattdessen hatte es schon immer einen Beigeschmack, so wie alle Tage, an denen auf Kommando gedacht, getrauert, gemahnt oder alternativ gefeiert werden soll.

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Auch der Internationale Frauentag am 8. März reiht sich ja nur zwischen den Europäischen Tag der Logopädie (6. März), den Weltgesundheitstag, alternativ in den USA „World Cereal Day“, also Tag der Frühstücksmüslis (7. März) und den Weltnierentag (10. März) sowie den Internationalen Aktionstag gegen Staudämme und den Pi-Day, den Tag zu Ehren der Zahl Pi (beide am 14. März). Da sitzen wir also als Frauen, zwischen den Therapeuten unserer Kinder, den leeren Müslischälchen vom Frühstückstisch, einem Staudamm und der Zahl Pi und fragen uns, bringt mich das weiter?

AUF DER HOMEPAGE DES FRAUENRATES DIE GEWOHNTE “DAS-GLAS-IST-HALB-LEER-RHETORIK”

Spurensuche bei denen, die vorgeben zu wissen, was Frau will oder braucht. Auf der Homepage des Frauenrates die gewohnte „Das-Glas-ist-halb-leer-Rhetorik“ eingekleidet in sozialistische Arbeiterromantik auf dem Plakat zum Weltfrauentag mit dem Text:  „Schwestern zur Sonne zur Gleichheit“. Schwestern statt Brüder wie im Original. Da hat eine Agentur bestimmt lange dran gesessen, um derart fulminanten Wortwitz aufzubringen.  „Gerechte Verteilung der Arbeitszeit zwischen Frauen und Männern“ – genau!! Soll der Alte endlich genauso viel arbeitet wie wir. Das meinen die aber gar nicht.

Geschlechterparitätische Besetzung von Beratungs- und Entscheidungsgremien,” „gleichstellungsorientierte Ausgestaltung des digitalen Wandels in der Arbeitswelt“ oder auch  „politische Teilhabe junger Frauen

– hat irgendjemand den jungen Dingern das etwa verboten? Das wäre wirklich ein Skandal! Allein schon diese Sprache: „Teilhabe an gleichstellungsorientierten Gremien“ wer denkt sich sowas aus?

Weitergeklickt zu den Damen vom Deutschen Gewerkschaftsbund, die wollen Frauen aus der Teilzeitfalle raus und Männer in die Teilzeitfalle rein bringen. Ja das ist dann wirklich im Gleichschritt zur Sonne. Die Damen der Bundesfrauenvertretung des Beamtenbundes hingegen begehen den Weltfrauentag mit den Risiken und Chancen der Digitalisierung, logisch, auf dem Arbeitsmarkt.

WIR WOLLEN NICHT LÄNGER LATTE MACCHIATO AUF DER TERRASSE TRINKEN

Der Arbeitsmarkt ist sowieso das Thema Nummer eins am Weltfrauentag. Da lebt die sozialistische Revolution noch einmal kurz auf. Wir wollen schließlich teilhaben an der Arbeit Mühen und nicht länger Latte Macchiato auf der Terrasse trinken. Schwestern zur Sonne zur Freiheit! Am 19. März wird es dann sowieso noch einmal zu einem frauenpolitischen Orgasmus kommen, dann ist Equal Pay Day, der Tag an dem die Schande betrauert wird, dass wir immer noch weniger verdienen als Männer. Die Schuld werden wir im System beklagen und bei den Männern. Wir werden den Gender_Pay_Gap beklagen, was nicht nur eine gendersensible Schreibweise darstellt, sondern auch eine Lohnlücke zwischen Mann und Frau. Dabei klaffen die Lücken doch ganz wo anders.

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Weiter geht es zu den Landfrauen, die ich an sich gerne mag, vor allem den Verband aus Weilheim-Schongau, die haben die besten Kuchenrezepte. Jetzt werden sie auf Bundesebene aber übermütig: „Ohne weibliches Know-how geht nichts mehr“ prangt es zum Weltfrauentag auf der Homepage. Wäre ich Mann, würde ich sagen, doch Schätzchen, haben wir bislang auch ganz gut ohne euch hinbekommen. Was man wirklich will, dann ein bisschen weiter unten: Frauen-Quoten für Wahllisten diverser Sozialwahlen, weil Frauen der Zugang angeblich verwehrt wird. Ein Hauch gläserne Decken, aber durchaus auch Realismus in dem fast schon verzweifelten Appell:

Seien Sie mutig, kämpfen Sie für ihre Stimme und stellen Sie sich zur Wahl.

Man muss sie zum Jagen tragen, also nichts Neues.

DER BUNDESPRÄSIDENT HAT ZU EHREN DES WELTFRAUENTAGES 23 FRAUEN DAS BUNDESVERDIENSTKREUZ VERLIEHEN.

Na gut, dann schauen wir mal in die Politik, irgendwo muss ja auch das zu finden sein, was mich derzeit thematisch als Frau massiv beschäftigt. Immerhin ist doch Weltfrauentag für uns alle. In Bellevue hat der Bundespräsident zu Ehren des Weltfrauentages 23 Frauen das Bundesverdienstkreuz verliehen. Ich hab keines bekommen, obwohl gerade heldenhaft vier von vier Kindern gleichzeitig mit Grippe überlebt, dafür wurde die neue Freundin unseres Justizministers geehrt, aber gut, sie hat es ja nicht für ihren Männergeschmack bekommen.

Andere wollen Tanzen zum Weltfrauentag, was politisch anscheinend eine echt brisante Aussage ist. „Erhebt euch! Streikt! Tanzt!“ heißt es beispielsweis in Paderborn, wo man sich wie in zahlreichen anderen Städten zum Weltfrauentag an der Aktion „One Billion Rising“ beteiligt. Frauen tanzen gegen Gewalt an Frauen. Wunderbare Tipps bekommt man auf der dazugehörigen Homepage. Videoanleitung für den OBR-Tanz aber auch Ideen: Zu Beginn oder zum Abschluss des Rising könne zum Beispiel eine Aufführung der „Vagina Monologe“  stehen. Würde ein Mann vorschlagen, dass Frauen am Weltfrauentag einen Monolog mit ihrer Vagina performen sollten, man würde ihn teeren und federn.

WIR BRAUCHEN DEN WELTFRAUENTAG GANZ ANDERS ALS BISHER

Machen wir es kurz, was mich bewegt kommt in Performances, Aktionstagen, Gleichheits- und Teilhabeforderungen zum Weltfrauentag thematisch nicht vor und ich fürchte es wird auch zukünftig nie davon die Rede sein und deswegen brauchen wir den Weltfrauentag auch weiterhin, allerdings ganz anders, als bisher.

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Wir brauchen ihn für den Gender-Pay-Gap, aber anders als es sich wohl die Damen vom Gewerkschaftsbund vorstellen. Die Prozentpunkte zwischen Mann und Frau, die im Übrigen ganz vielschichtige Gründe haben, entrüsten mich nicht so sehr, wie die Lohnlücke zwischen einer Mutter, die ihr Kind selbst erzieht und einer Erzieherin, die für die Erziehung eines fremden Kindes bezahlt wird. Dort liegen nämlich nicht 21 sondern 100 Prozent Lohnlücke dazwischen. Wo bleibt der Frauenrat, um sich darüber zu empören, dass man die Arbeit von Müttern nicht wertschätzt? Sind das keine Frauen? Oder ist man nur nicht gewohnt, sich auch um die Frauen zu kümmern, die nicht wie ihre Brüder zur Sonne wollen?

…SEXUALISIERTE GEWALT GEGEN FRAUEN SEI LEIDER AUCH TEIL DER DEUTSCHEN KULTUR

Wir brauchen den Weltfrauentag auch wegen des Sexismus gegen Frauen. Allerdings weniger, wegen der angeblich entwürdigenden Darstellung von Frauen in der Werbung, was zum Beispiel die Sozialdemokratischen Frauen aktuell beklagen und zum Weltfrauentag geschlechterdiskriminierende Werbung abschaffen und eine gleichwertige Darstellung von Mann und Frau sowie mehr Heldinnen in Filmen TV und Videospielen fordern. Ja das sind bei diesen tatsächlich die ersten Forderungen als Konsequenz aus den massiven Übergriffen auf Frauen in Köln, denn: Sexismus finde täglich schon immer und überall statt, „anzügliche Witze, sexistische Sprüche, übergriffiges Auftreten, häusliche Gewalt oder Vergewaltigung“,  sexualisierte Gewalt gegen Frauen sei leider auch Teil der deutschen Kultur.

Mir fiele hingegen nach Köln als erstes ein, dass wir über die Frage eines Gender-Pay-Gaps zwischen Männern und Frauen nicht mehr nachdenken müssen, und auch nicht über die Frage, ob es sexistisch ist, eine Frau im Bikini zu zeigen, wenn wir als Frauen morgens und abends nicht mehr sicher über Bahnhöfe und mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu unserem Arbeitsplatz kommen.

NACH DER KÖLNER SILVESTERNACHT IST DAS PFEFFERSPRAY AUSVERKAUFT

Wir brauchen den Weltfrauentag wieder, weil nach der Kölner Silvesternacht Pfefferspray ausverkauft ist, Frauen sich nicht mehr sicher fühlen und Eltern neuerdings verstärkt ihre Kinder im Auto kutschieren. Wir brauchen ihn, weil das erste Mal seit Bestehen der Bundesrepublik, die Errungenschaften der feministischen Bewegung in Gefahr geraten durch die Männlichkeitsideale und mittelalterlichen Frauenbilder von Zuwanderern. Nirgendwo habe ich auch nur eine einzige Veranstaltung gefunden, die sich zum Weltfrauentag mit diesem Thema beschäftigt.burka-1003353_1280Wir brauchen den Weltfrauentag nicht deswegen, damit wir noch mehr Mädchen dazu bekommen, durch bundesweite „Girls Days“ typische Männerberufe zu ergreifen und ihnen Berufe auszureden, die wir dann jungen Männern wiederum einreden. Wir brauchen ihn deswegen, weil spätestens seit der 15-jährigen Attentäterin von Hannover, die erst kürzlich versuchte, in IS-Manier einen Polizisten niederzustechen, Terrorismus eben gerade nicht mehr ein männliches Problem sondern plötzlich auch wieder weiblich ist in einem Land, in dem wir so viel mehr für Frauen zu bieten haben und dann doch junge Frauen an falsche Ideale verlieren.

ES IST DER UNTERGANG DER GLEICHBERECHTIGUNG, WENN WIR UNS VON DEN MÄNNERN TRENNEN MÜSSEN, UM FRAU SEIN ZU KÖNNEN

Wir brauchen den Weltfrauentag, weil sich schleichend Angst breit macht und Selbstverständlichkeiten weichen und wir bislang mit Extrabadezeiten in Schwimmbädern, Frauenrutschzeiten in Spaßbädern oder Frauen-Zonen in Bussen bislang nur erbärmliche Lösungsvorschläge haben für tägliche Übergriffe auf Frauen und wir Gleichberechtigung nicht durch Separation erreichen können, es genaugenommen der Untergang der Gleichberechtigung ist, wenn wir uns von den Männern trennen müssen, um Frau sein zu können.

Wir brauchen den Weltfrauentag auch deswegen, weil wir gerade mit einem Land wie der Türkei darüber verhandeln, in welcher Zahl es Flüchtlinge, also auch Frauen und Mädchen, beherbergen und wie viele Milliarden es dafür bekommen soll, während das gleiche Land gerade erst gewaltsam eine Frauendemonstration zum Weltfrauentag niederknüppeln ließ und wir jetzt schon wissen, dass unsere Standards von Frauenrechten dort nicht einmal ansatzweise gewährleistet sein werden. Wir brauchen den Weltfrauentag auch deswegen, weil diese Tatsachen bei den Brüsseler Verhandlungen um Milliardensummen überhaupt keine Rolle spielt, dass wir es hier mit einem Land zu tun haben, dass zwar in die EU will, sich aber weder um Pressefreiheit noch um die Meinungsfreiheit und schon gar nicht die von Frauen schert.

Ich hätte nicht gedacht, dass ich das noch einmal schreiben müsste, aber ja:

Wir brauchen den Weltfrauentag immer noch, drängender denn je.

 

 

  • Dr. Dorothea Böhm

    Zum Weltfrauentag appelliere ich an die Solidarität der Frauen: Unterstützt alle, die innerfamiliäre Care-Arbeit in Vollzeit leisten und nicht immer weiter gezwungen sein wollen, diese an die Gesellschaft zu verschenken. Schluss mit dem 100%-Paygap!
    Zum Weltfrauentag brauchen wir endlich die geschlossene Forderung nach gerechter finanzieller Gleichstellung von Kinderlosen und Eltern.