Mein fundamental christlicher Migrationshintergrund

Zwei Aspekte kristallisieren sich aus den Diskussion nach den sexuellen Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht in Köln und anderen Städten als Kernpunkte der Diskussion heraus: Ist die Tatsache, dass es sich bei den Tätern um Männer mit Migrationshintergrund handelt, irgendwie relevant? Muss man die fremde, oder sagen wir mal nicht-deutsche Herkunft nennen, oder nicht? Der zweite Aspekt ist die altbewährte Diskussion, ob diese Übergriffe irgendetwas mit dem Islam zu tun haben, muss man also ein religiös geprägtes Frauenbild in diesem Zusammenhang als Ursache diskutieren, oder sollte dies auch aus der Debatte ausgeklammert werden, weil die Frage nach der Religion ebenso irrelevant, wie der Migrationshintergrund sei? Kurz, es hat nichts mit dem Islam und nichts mit Migrationshintergrund zu tun, wer das doch in Zusammenhang bringt ist nach einschlägiger Aussage Rassist.

Die Behauptung liegt zum Beispiel von den Damen, die nun die #ausnahmslos Kampagne gegen den täglichen Sexismus in Deutschland initiiert haben,  im Raum. Wer Migrationsstatus oder gar religiösen Hintergrund im Zusammenhang mit diesen Taten erwähnt, instrumentalisiere die Debatte für rassistisches Gedankengut, denn beides sei irrelevant für die Diskussion.  Explizit positionieren sich die Protagonistinnen als „intersektionale“ Feministinnen, sprich, als diejenigen, die sich nicht nur gegen Sexismus und sexualisierte Gewalt, sondern auch gegen Rassismus engagierten.  Es sei

für alle schädlich, wenn feministische Anliegen von Populist_innen instrumentalisiert werden, um gegen einzelne Bevölkerungsgruppen zu hetzen, wie das aktuell in der Debatte um die Silvesternacht getan wird.

Also keine Instrumentalisierung für niedrige Beweggründe bitte. Cem Özdemir, Grüner und Frauenversteher schloss sich wie viele anderen, braven Antirassisten ausnahmslos sofort an und twitterte: „Ihr rechten Hetzer: Euch geht`s nicht um die Frauen.…“  Selbst Justizminister Heiko Maas ist mit von der Partie, wenn Sexismus und Rassismus in einem Atemzug genannt werden können.

„VERMEINTLICH“ WEISSE CIS-FRAUEN ALS OPFER

Im #ausnahmslos-Manifest liest man weiter: Sexualisierte Gewalt dürfe nicht nur dann thematisiert werden, wenn die Täter die vermeintlich „Anderen“ seien:

die muslimischen, arabischen, Schwarzen oder nordafrikanischen Männer – kurzum, all jene, die rechte Populist_innen als „nicht deutsch“ verstehen.

Sie dürfe auch nicht nur dann Aufmerksamkeit finden, wenn die Opfer (vermeintlich) weiße Cis-Frauen seien. Cis-Frauen, sei erklärt für im Gender-Slang Unkundige, sind biologisch weiblich geborene Wesen,  in Abgrenzung zu den nicht-Cis-weiblichen Wesen, die nur so tun, als seien sie Frauen, aber gerne Frauen genannt werden wollen. Diese Definition eignet sich nicht zur Weitergabe, sie ist meine persönliche und somit vermutlich massiv sexistisch und nicht empathisch genug angesichts des Ernstes der Lage.

Gisem Adiyaman, eine der jungen (darf man das noch sagen, oder ist das für die Debatte auch irrelevant) #ausnahmslos- Damen auf der Betroffenheits-Couch des ZDF-aspekte Magazins gab zum Besten, sie verstehe nicht, welchen „Mehrwert“ es haben solle, den Migrationshintergrund der Täter zu nennen, was könne uns das schon über die Tat aussagen?  In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung  findet sich gar die Behauptung, die Herkunft der Täter sei so unwichtig wie ihre „Schuhgröße“.

DIE #AUSNAHMSLOS-KAMPAGNE STELLT ALLE MÄNNER AUSNAHMSLOS UNTER GENERALVERDACHT

Apropos Instrumentalisierung: Dass die #ausnahmslos-Kampagne direkt und ausnahmslos dazu genutzt wird, alle Männer unter einen Generalverdacht zu stellen und ganze 14 Forderungen nach Geld und politischen Maßnahmen enthält, ist natürlich keine Instrumentalisierung der Opfer in Köln, sondern selbstlose Hingabe.

Lassen wir auch beiseite, dass die Damen selbst fordern, dass die Debatte über sexualisierte Gewalt „offen, kritisch und differenziert“ geführt werden muss und dazu auch die „Analyse, Aufarbeitung und Bekämpfung von soziokulturellen und weltanschaulichen Ursachen von Gewalt“ dazu gehöre. Fragt sich nur, wie man das machen soll, wenn der gesellschaftliche, kulturelle und auch religiöse Hintergrund einer Tätergruppe als solcher gar nicht benannt werden darf, weil es doch keinen „Mehrwert“ habe.

DER MEHRWERT DES MIGRATIONSHINTERGRUNDS

Der gleiche Mehrwert des Migrationshintergrunds wird allerdings auf der Opferseite von den gleichen Damen, die sich als „intersektionale Feministinnen“ bezeichnen, selbst betont und gar zum Objekt von „intersektionaler“ Gender-Forschung gemacht. Dort werden ja gerade verschiedene Gründe für Ausgrenzung und Diskriminierung in einen Topf geworfen, um erhöhten Opferstatus zu generieren.  Weil Frau ja nicht nur aufgrund von Geschlecht, sondern auch zum Bespiel auf Grund von Migrationshintergrund, Hautfarbe, Alter, Behinderung usw. sogenannten Mehrfachdiskriminierungen ausgesetzt sein kann.

Eine Frau der Angehörigengruppe der „People of Colour, kurz PoC, zu Deutsch: Alle Menschen, die nicht weiß sind, also irgendwie bunt, die dann noch lesbisch ist, sieht sich laut intersektionaler Gender-Forschung möglicherweise einer Dreifachdiskriminierung auf Grund von Geschlecht, Hautfarbe und sexueller Orientierung ausgesetzt. Merke: Wenn es zum Markieren des eigenen Opferstatus opportun erscheint, spielen Hautfarbe und Herkunft sehr wohl eine Rolle und müssen explizit genannt werden. Betrifft dies allerdings die Tätergruppe der Männer, ist es für die Debatte ohne Mehrwert.

…DASS SIE IHRE BISHERIGE GENDER-THEORIE GERADE MAL IM VORBEILAUFEN SELBST AD ABSURDUM FÜHREN

Es bleibt zu befürchten, dass die Aktivistinnen, die gerade bestimmte Tätermerkmale aus der Debatte ausklammern wollen, weil diese angeblich egal sind, nicht einmal begreifen, dass sie ihre bisherige Gender-Theorie gerade mal im Vorbeilaufen selbst ad absurdum führen, die doch explizit darauf beruht, dass  Diskriminierungsstrukturen, Herrschaftssysteme und Rollenstereotype, die zur Unterdrückung der Frau führen, immer und ausnahmslos durch die jeweilige Gesellschaft und ihre Wertvorstellungen geprägt seien.

Mit großem Engagement wird in der gesamten feministischen Debatte beispielsweise die katholische Kirche und ihre Sexualmoral immer wieder als Verhinderin der  Emanzipation  der Frau genannt. Überhaupt diese ganze christlich-abendländische Kultur, die die Herrschaft des weißen Mannes überhaupt nur begründet und am Leben erhält. Steht sie nicht ständig auf dem Index, soll sie nicht ständig aufgebrochen werden, der „alte weiße Mann“ seiner Privilegien beraubt werden, die er sich angeblich in genau dieser Kultur widerrechtlich manifestiert hat und mit Hauen und Klauen gegen die Frau verteidigt? Sollen wir nicht ständig die Kinder schon von klein auf gendersensibel erziehen, um gerade diese männlichen Stereotypen nicht neu zu reproduzieren? Haben wir nicht gar die christliche Bibel durch eifrig gender-theologisches Engagement in eine Ausgabe mit „gerechter Sprache“ übersetzt, damit die männliche Dominanz, die sich darin manifestierte, in diesem heiligen Buch endlich verschwindet? Ist Gott nicht gar eine Frau, und nicht wie alte Priester uns weiß machen wollen, „unser Vater im Himmel“?

SPIELEN HERKUNFT UND RELIGION VON TÄTERN EINE ROLLE?

Merke: Die Frage der Herkunft und auch der Religion von Tätern spielt immer dann eine Rolle, wenn unsere eigene Kultur kritisiert werden soll, wenn christliche Werte angeblich die Emanzipation verhindern und die Seilschaften mitteleuropäischer weißer Alltagssexisten durchschnitten werden sollen. Wenn die Täter einer Religion nachhängen, deren Anhänger  statt der Täter, lieber die vergewaltigten Frauen umbringen, damit sie mit der Schande nicht länger leben müssen, dann hat die Tat nichts mit Religion zu tun.

Und zum Schluss stellte ich mir noch die ganz persönliche Frage, wieso mein persönlicher Migrationshintergrund und mein christlicher Glaube eigentlich ständig öffentlich thematisiert und genannt wird, obwohl es doch laut intersektionalem Feminismus doch irrelevant ist. Dazu gehöre ich nach feministischer Theorie doch zu den Täter_*Innen, wo man das doch nicht sagt und nicht zu den Opfern. Was insofern übrigens ganz inkonsequent ist, denn ich habe zumindest Doppelopfer-Status laut intersektional-Tabelle: Frau und Migrationshintergrund. Ich bekomme aber so viele Abzüge in der B-Note, durch Bekenntnis zum katholischen Glauben, überzeugter Mutterschaft, Ehestatus mit einem Non-PoC-Mann und wiederholter Feminismuskritik, dass ich im Minusbereich der vermeintlichen Populist_Innen angelangt bin. Die Frage stellt sich dennoch:

WIESO IST ES FÜR DIE GLEICHEN MENSCHEN, DIE JETZT BETONEN, KULTURELLER UND RELIGIÖSER HINTERGRUND SEI IRRELEVANT, EINE SELBSTVERSTÄNDLICHKEIT, DEN KULTURELLEN UND RELIGIÖSEN HINTERGRUND IHRER POLITISCHEN GEGNER STÄNDIG ZU NENNEN?

Das mag gar nicht immer böse gemeint sein, es fällt aber auf. Wie oft stand bei Talk-Sendungen, wenn ich sprach, eingeblendet, dass ich katholische Christin bin? Ich erinnere mich, dass auch Hendrik M. Broder diese Frage einmal aufwarf, wieso man ihn ständig als „jüdischen“ Autor einblendet, die Religion der anderen Talkgäste jedoch nicht benennt. Wieso war es wichtig seine Religion ungefragt zu nennen, nicht aber die der anderen? Gute Frage. Als der FOCUS kürzlich zu Flüchtlingsdebatte Kommentare von verschiedenen Frauen einholte, so auch von mir, wurde ich nicht nur als Journalistin und Buchautorin, sondern auch als „engagierte Christin“ vorgestellt. Die anderen Frauen waren „Schülerin“, „Schriftstellerin“, „Köln-Pendlerin“, „Starke Stimme der CDU (Klöckner)“ oder „CDU-Politikerin“ (Kristina Schröder) oder „FDP-Präsidiumsmitglied“ (Suding). Ein paar von denen sind auch Christinnen.

„Militante Feministin Gottes“ nannte mich die taz, reaktionär, erzkatholisch, fundamentalistische Christin, Katholiban, waren Titulierungen in anderen Medien, nicht weil ich meine Feminismuskritik christlich begründe, was ich nie getan habe, sondern weil man weiß, dass ich ja unter anderem Katholikin bin. Erst kürzlich erzählte mir der Geschäftsführer einer großen Kette für christliche Buchhandlungen, dass er einst 2013 mein Buch „Dann mach die Bluse zu“ gelesen hatte und es eigentlich gerne ins Portfolio seiner Bücherkette aufgenommen hätte, da man aber nur Bücher aufnehme, die einen christlichen Bezug hätten, wäre das leider nicht möglich gewesen, obwohl er es gerne getan hätte. Den Christen war meine Argumentation also leider frei von Christentum, den anderen reicht mein Taufstatus zur Diffamierung.

RESPEKT SAGE ICH DA NUR, SO VIEL OFFENEN RASSISMUS GEGEN EUROPÄISCHE MITBÜRGER HABE ICH SELTEN GELESEN.

Andere Journalisten und Medien scheuen nicht einmal davor zurück, meinen Migrationsstatus, also mein Geburtsland Rumänien, zur Diskreditierung zu nutzen. 10 von 10 Punkten gehen dabei an den linken Freitag, der sich nicht entblödete, in einem online-Beitrag darüber zu philosophieren, dass meine „als Kind verinnerlichte rückständige Einstellungen“ zu „Familie, Gesellschaft und Stellung der Frau“ die bis heute in Rumänien vorherrschten (!) von dort mitgebracht habe. Es sei für mich wohl ein „Kulturschock“ gewesen, deswegen sei es für mich offensichtlich schwer, die in Deutschland erreichten Fortschritte in Sachen Gleichberechtigung zu verarbeiten und als Realität anzunehmen. Die „Überforderung“, sich plötzlich in einer deutlich moderneren und aufgeschlossenen Gesellschaftsrealität zu befinden, die im krassen Gegensatz zu der, um Jahrzehnte zurückgebliebenen, in Rumänien steht, habe dann wohl zu meinem „reaktionären“ Denken und Handeln geführt. Respekt sage ich da nur, so viel offenen Rassismus gegen europäische Mitbürger habe ich selten gelesen.

Und obwohl ich der rumänischen Sprache nicht einmal mächtig bin und war, weil meine Muttersprache Deutsch ist, bemühte sich auch der Bayrische Rundfunk im vergangenen Jahr in gleicher Manier, mich wiederholt als „Rumänien-Deutsche“ vorzustellen, obwohl ich bereits seit 31 Jahren in Deutschland lebe und die Staatsbürgerschaft genauso lange besitze. In dem Bericht ging es um die Stuttgarter „Demo für Alle“ gegen die Bildungspläne der Landesregierung in Baden-Württemberg. Obwohl dort Tausende protestierten, schaffte es der Bayrische Rundfunk für diesen Beitrag ausschließlich Stimmen auf der Straße einzufangen, von Menschen die gebrochen Deutsch sprachen, und als Rußland-Deutsche klassifiziert wurden, anscheinend war es nicht möglich einen „Bio-Deutschen“ dort anzutreffen.

NUR SO KOMISCHE AUSLÄNDER AUS DEM OSTEN

Tenor des Beitrages, der dem „Freitag“ sicher gefallen hätte: Sind nur so komische Ausländer aus dem Osten, die mit dieser sexuellen Vielfalt ein Problem haben. Bleibt noch Alan Posener zu zitieren, auch er nannte mich in einem englischen Kommentar für The Guardian zu den Vorfällen in der Kölner Silvesternacht als „Writer Birgit Kelle, an ethnic German from Romania“. Welchen Mehrwert hatte mein Geburtsland Rumänien für den britischen Leser, verehrter Herr Posener?

Nein, Logik oder gar Konsequenz kann man in dieser Debatte nicht erkennen, aber dafür das, was Posener übrigens mir vorwarf: Doppelstandards.