© Kerstin Pukall

Ein Taxi für Angela Merkel

Vielleicht sollte Angela Merkel häufiger Mal Taxi fahren irgendwo in Deutschland. Nirgendwo bekommt man die Meinung der Menschen ungefilterter und ungefragter, als man meint. Wer aber niemals in der S-Bahn sitzt, nachts U-Bahn fährt und statt normalem Taxi immer nur einen gepanzerten Wagen mit Begleitfahrzeug nutzt, dem entgeht die Stimmung der viel zitierten ganz normalen, kleinen Leute.

Am Tag der Geiselnahmen in Paris fuhr ich beispielsweise einst Taxi in Berlin, während sich die französischen Sondereinheiten vor der Druckerei und dem jüdischen Supermarkt in Stellung brachten. Auf allen Kanälen gab es keine anderen Nachrichten, im Radio des Taxis natürlich ebenfalls nur dies Thema. Ich stand zufällig auch noch genau vor der französischen Botschaft in Berlin, als der Wagen mich einsammelte. Es lagen dort bereits die ersten Blumen und Kerzen traurig im Regen. Mein Fahrer war definitiv kein potenzieller „Charlie“. Ich konnte seine Nationalität trotz Akzent nicht ausmachen, möglicherweise war er sogar Franzose. Ich habe nicht gefragt. Ich sagte spontan, wie schrecklich das doch sei, was da passiert sei und was das doch für Verbrecher seien, die sowas machen. Sein Standpunkt, fiel überraschend anders aus:

Warum mussten die das auch veröffentlichen, das hätte man ja wissen können, das sowas passiert.

Er war Südländer wie man so schön sagt und ich hab ihn nicht nach seiner Religion gefragt. Mein Taxifahrer, der doch offensichtlich gut verankert war im deutschen Alltag und einen festen Job besaß, war der Meinung, die sind selbst Schuld in Frankreich, hätten sie mal nicht so provoziert bei Charlie Hebdo. Sowas kommt halt von sowas. Ich hab das mit ihm nicht final ausdiskutiert, ich wollte nicht auf halber Strecke aus dem Wagen geworfen werden, denn mein Flieger wartete. Also hab ich die Klappe gehalten und einfach mal zur Kenntnis genommen, dass mitten in Deutschland offensichtlich Zugewanderte leben, die keineswegs reflexhaft  solidarisch „Charlie“ waren, sondern ganz im Gegenteil, die Schuld bei den Opfern suchten.

ER WAR EMPÖRT, DASS WIEDER ÜBERGRIFFE AUF FRAUEN STATTGEFUNDEN HATTEN. ER SEI SELBST AUS DEM IRAN GEFLOHEN VOR ÜBER 20 JAHREN UND HABE DAMALS HIER ASYL BEANTRAGT.

Am Wochenende Taxidriver live in München: Der Wagen wartet schon mit laufendem Motor vor der Sporthalle, wir brauchen eine schnelle Fahrt zum Bahnhof. Er ist sehr freundlich, wuchtete unsere Koffer hinein und ist definitiv Südländer, ich kann seinen Akzent wiedermal nicht zuordnen. Was wir hier gemacht haben am Wochenende, will er wissen, ob wir Lehrerinnen seien? Ich sage Sport. Er ist gesprächig und hakt nach: „Ganze Wochenende, was für Sport?“ will er wissen. Ich sage, ein Selbstverteidigungskurs für Frauen. Der freundliche klein Mann ist sowfort von Null auf Hundert: Das sei auch wirklich eine gute Idee für Frauen, sowas zu machen, nachdem hier fast zwei Millionen Leute gekommen seien. „Haben Sie gesehen was das für Leute sind?“ Er habe die Schnauze voll. Also so richtig. Ich bin froh, dass er zwischendurch auch mal nach vorne schaut, während er sich langsam aber sicher in Rage redet. Ob ich mitbekommen hätte, was am Wochenende in Berlin passiert sei beim Fest der Kulturen. Nein, weil ich ja zwei Tage in einer Turnhalle verbracht hatte. Er war empört, dass wieder Übergriffe auf Frauen stattgefunden hatten. Er sei selbst aus dem Iran geflohen vor über 20 Jahren und habe damals hier Asyl beantragt. Heute fährt er Taxi in München, verdient seinen Lebensunterhalt selbst und liebt die Aprikosen-Teilchen in seiner bayrischen Lieblingsbäckerei, er zeigt uns seinen Bäcker im Vorbeifahren, falls wir nochmal in die Gegend kommen.

Dann legt er nach: Wie diese Leute sich benehmen, geht gar nicht, sagt er. „Sie glauben nicht, was hier manchmal los ist nachts“. Der Islam sei ein großes Problem. Als er aber seine Meinung bei Facebook geschrieben habe, sei er von einer Truppe junger Männer in München körperlich bedroht worden. Er wisse aber wovon er rede, schließlich sei er ja nicht umsonst aus dem Iran geflohen und er habe auch nicht vor, sich einschüchtern zu lassen. Die Politik macht nichts sagt er. Die nehmen das nicht ernst.

Ich wähle jetzt die AfD, ich habe die Schnauze voll. Ich bin Iraner, aber sollen sie mich doch Nazi nennen, ist mir egal.

sagt er uns zum Abschied.

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Dieser Mann lebt seit über 20 Jahren in Deutschland. Er ist anerkannter Asylbewerber. Er verdient seinen Lebensunterhalt selbst. Er liebt Deutschland und seine Aprikosenteilchen. Und er wählt jetzt AfD. Wäre er eine Ausnahme, dann würde ich sagen, ok, das war überraschend. War es aber nicht. Ich treffe derzeit haufenweise gut integrierte Migranten, die uns Deutsche für bescheuert und lasch halten und sich aufregen, warum keiner etwas macht. Dies war nur der erste, der mir so unverblümt mitgeteilt hatte, dass er als Iraner jetzt AfD wählt, selbst in Bayern und trotz CSU, die zumindest ein bisschen vom Regierungskurs abweicht.

Vielleicht, wie gesagt, sollte Angela Merkel ab und zu mal Taxi fahren.