© Kerstin Pukall

Wir wollen Helden: „Müssen Männer ihre Frauen mit der Faust verteidigen?“ …

Fragte der WELT-Reporter Uwe Schmitt am Wochenende in einem Beitrag und kam am Ende zu dem Ergebnis, dass die Antwort mal besser ein „Nein“ sein sollte, schließlich sei es nur ein schmaler Grat hin Richtung Selbstjustiz und Lynchmob.

MIR STELLT SICH EHER DIE FRAGE, OB ES NICHT UNTERLASSENE HILFELEISTUNG WÄRE, DER FRAU NICHT ZU HELFEN?

Nun weiß ich zwar nicht genau, was die spontane Verteidigung einer angegriffenen Frau mit einem organisierten Lynchmob zu tun haben sollte. Mir stellt sich eher die Frage, ob es nicht unterlassene Hilfeleistung wäre, der Frau nicht zu helfen, aber dann fiel es mir spontan wie Schuppen von den Augen: Wir sind in Deutschland, wir wollen ja mal nicht überreagieren. Am Ende dann noch der Tipp für den Mann, der sich entschieden hat, nicht einzugreifen, weil die anderen ja in der Regel in der Übermacht seien beim Begrapschen von Frauen: Handy zücken und Beweis-Video drehen, das sei schließlich die perfekte, unblutige „Distanzwaffe“. Zusätzlich noch ein Tipp: Besser mal nicht alleine filmen, sondern sich mit anderen Jungs zusammen tun und gemeinsam filmen. Sonst wird man womöglich verjagt, so wie gerade erst geschehen beim Fest der Kulturen in Berlin. Das ganze endet mit den Zeilen:

Wenn das nächste Mal Frauen belästigt werden, mischt euch ein, Männer, zieht, schießt. Bilder.

Frieden schaffen ohne Waffen, jetzt auch auf den Bahnhofsplätzen und Musikfestivals. Brüder an die Waffen … ähhhh Handys. Das wird die Täter sicher final abschrecken. Und am Schluss haben wir das Ganze auch noch aus verschiedenen Perspektiven in Ton und Bild.

YOUTUBE STATT TATKRÄFTIGER HILFE?

Wann genau haben Männer eigentlich begonnen Memmen zu werden? Haben wir uns das als Frauen gar selbst eingebrockt und was genau ist von einem Mann zu halten, der angesichts der Tatsache, dass ich von vier Kerlen begrapscht werde, nichts anderes zu tun gedenkt, als das Ganze für Youtube mitzuschneiden?

Schatz, du verstehst, ich konnte nicht eingreifen, als sie dich vergewaltigt haben, die waren zu viert, aber ich hab alles mit meinem Handy auf Band, willst du mal schauen?

Kollege Schmitt schreibt zurecht, nach Köln, und der medialen Forderung, es hätte doch mal ein paar „Ritter“ geben müssen auf der Domplatte zu Köln, hätten sich nicht wenige Männer beschämt eingestehen müssen, „dass sie sich nicht (mehr?) Manns genug fühlten, ihre Werte mit Muskelkraft zu vertreten“. Dass Männer nicht mehr mit Fäusten kämpfen, sei ein Zeichen von Zivilisation, bestätigt der Gewaltforscher Jörg Baberowski im Interview. Schließlich müssten sich Menschen in befriedeten Gesellschaften mit staatlichem Gewaltmonopol nicht mehr prügeln, „weil sie sich auf die Polizei verlassen können.“

DA KOMMEN DIE HANDYS VON KOLLEGE SCHMITT NATÜRLICH VIEL ZIVILISIERTER UND PAZIFISTISCHER UM DIE ECKE.

Böse Zungen könnten daraus den Umkehrschluss formulieren, dass diejenigen, die bis heute noch die Faust einsetzen, dann also „unzivilisiert“ sein müssen. Da kommen die Handys von Kollege Schmitt natürlich viel zivilisierter und pazifistischer um die Ecke. Es wäre aber zu kurz gegriffen, denn die Doktrin „keine Selbstjustiz“ und „keine Fäuste zur Verteidigung von Frauen“ ist so lange eine feine Sache, so lange auch der zweite Teil von Baberowskis Analyse stimmt: Dass man sich auf die Polizei verlassen kann. Was aber tun, wenn diese Prämisse nicht mehr gilt? Wenn die Polizei entweder nicht da ist, um einzugreifen, oder zwar anwesend ist, aber nicht eingreifen kann  oder gar nicht will? Damit wären wir wieder bei der Kölner Domplatte, wo ja durchaus Polizei anwesend war, aber nur die bittere Erkenntnis hinterließ, dass sie heillos überfordert ist.

Nun gab es aber Männer auf der Domplatte und in Köln, die entweder von der „keine Fäuste Doktrin“ nichts wussten, oder durchaus noch Manns genug waren, sie zu ignorieren angesichts von Frauen in Not. Bundesweit berühmt wurde etwa der Türsteher Ivan, anschließend als „James Bond von Köln“ gefeiert, der unerschrocken dazwischen ging und auch Schläge austeilte, um Frauen zu helfen.

MÄNNER MÜSSEN REDEN UND GEFÜHLE ZEIGEN

Ist es Zufall, dass er kein „Biodeutscher“, sondern gebürtiger Kroate ist? Damit sind wir bei meiner zweiten Frage, ob wir Frauen in Deutschland es uns selbst eingebrockt haben, dass sich unsere Männer nicht mehr selbstverständlich für uns in die Schlacht werfen. Schließlich reden wir doch die ganze Zeit davon, dass der alte Steinzeittyp sich ändern muss. Dass wir Gewalt verabscheuen. Dass wir reden müssen. Der Mann soll Gefühle zeigen und soft werden, seine Aggressivität ablegen. Er trägt jetzt unsere Haargummis und unsere pinken Blusen, backt Kuchen mit den Töchtern und kennt sich mit der Waschmaschine aus. Wir stehen ja angeblich auf diesen neuen Typ Mann, von dem man so viel hört. Wir wollen ja angeblich auch keine Retter mehr und auch keine Kavaliere. Schließlich können wir jetzt alles selbst:  Rechnung bezahlen, Koffer schleppen und Türe aufhalten. Wir füllen die Feuilletons und Bücherregale mit der Behauptung, dass der typische Mann nicht etwa Objekt unserer heißen Begierde sei, sondern vielmehr der Grund allen Übels, aller Krisen, Kriege und Katastrophen.

Und jetzt stellen wir ernüchtert fest, dass wir die Helden ja selbst nach Hause geschickt haben. Im Ergebnis haben wir dann im Verteidigungsfall Hobbyfilmer statt glorreiche Ritter. Ist es die Schuld des Mannes, dass er letztendlich nur das tut, was ihm die Gleichstellungsindustrie seit Jahren einhämmert: Seine Männlichkeit ablegen? Und damit auch die Verantwortung und den Schutzauftrag gegenüber Schwächeren?

DENN JA, VERTEIDIGEN IST MÄNNLICH UND GOTT SEI DANK HABEN WIR IMMER NOCH GENUG MÄNNER IM LAND, DIE DAS ALS SELBSTVERSTÄNDLICHKEIT SEHEN.

Denn ja, verteidigen ist männlich und Gott sei Dank haben wir immer noch genug Männer im Land, die das als Selbstverständlichkeit sehen, angesichts einer Frau in Not.  Männer, die sich nicht abschrecken lassen davon, dass man Polizisten bei uns „Bullenschweine“ und Soldaten „Mörder“ nennen darf. Die dennoch bereit sind, Gesundheit oder gar Leben zu riskieren, für Frauen, Kinder und andere Männer. Bitte jetzt keine Vorträge über Frauen in der Bundeswehr. Ich weiß, dass auch Frauen kämpfen können. Wir sprechen von der Situation, dass Frauen wehrlos sind und der Frage, soll Mann mit Gewalt und unter der Gefahr, selbst etwas abzubekommen, eingreifen.

Aus Frauensicht sieht das so aus meine Herren: Wir erwarten keine garantierten Siege, denn wir wollen realistisch sein. Aber lassen Sie sich eines gesagt sein: Wir Frauen erwarten nach wie vor, dass Sie es zumindest versuchen. Wir wollen Helden. Möglicherweise ist es das Erbe unserer Evolution. Aber ein Mann, der das Nest und die Brut nicht mehr schützen will, ist einfach nicht sexy. Wir schmachten vor dem Bildschirm, wenn James Bond die Schönen rettet und bei Bruce Willis, wenn er den Bösen vom Hochhaus wirft. Oder glauben sie ehrlich seine Film-Frau in „Stirb langsam“ wäre zu ihm zurückgekehrt, wenn er ihr eine SMS nach oben geschickt hätte, Schatz ich hab Angst, die sind zu viele, anstatt die ganze Bude runterzubrennen?

HOBBY-FILMER ODER RITTER?

Wer das nicht wahr haben will, könnte es mal aus einer anderen Perspektive betrachten, ich las nämlich, dass Kollege Schmitt von der WELT Vater dreier Töchter sei. So als Vater, welchem Anwärter würden sie ihre Tochter im Ernstfall gerne in die Ehe geben, dem Hobby-Filmer, oder dem Ritter? – Eben.