It’s the family, stupid!

„Die Kita macht den Unterschied“  überschrieb der Tagesspiegel vergangene Woche seinen Bericht zu den alljährlichen Untersuchungen von 5-Jährigen, die seit 2005 nach der gleichen Methode auf ihre Schulfähigkeit hin überprüft werden. Ähnlich hohen Einfluss auf die Erfolgschancen von Kindern habe der soziale Status, das wird zwar erwähnt, dann heißt es jedoch weiter, die Berliner Kitas leisteten den „wichtigsten Beitrag für die Vorbereitung auf die schulische Laufbahn“ , Migrationshintergrund und Geschlecht träten als Einflussfaktoren weit dahinter zurück, wenn es darum ginge, Kinder auf die Schule vorzubereiten. Und dann wird noch der leitende Kinderarzt vom Gesundheitsamt, Matthias Brockstedt, zusammenfassend mit den Worten zitiert:

Jede Kita ist besser als keine.

Vor allem der Satz „Jede Kita ist besser als keine“ versetzte mich doch etwas in Erstaunen, denn was will uns das sagen: Angeblich ist selbst die schlechteste Kita mit Personalmangel und Überforderung immer noch besser, als das Elternhaus, um Kinder auf die Schule vorzubereiten. Das kann man kaum glauben, es lohnte also ein genauer Blick auf die Ergebnisse. Und wenn man diese ohne die vorgefertigten Scheuklappen liest und dem festen Willen, das Postulat der Überschrift erfüllen zu wollen, dann kommen durchaus differenziertere Ergebnisse heraus. Da die Ergebnisse solcher Studien immer gerne als Begründung herangezogen werden, warum noch mehr Kinder und noch jüngere Kinder unbedingt eine öffentliche Kinderbetreuungseinrichtung aufsuchen müssten, weil sie nur dort adäquat auf die Schule bzw. das Leben vorbereitet werden können, sollten die Ergebnisse so einer Studie dann doch genau gelesen werden, um nicht als Propagandamittel für öffentliche Kitas missbraucht zu werden.

NICHT NUR DER KITA-, SONDERN AUCH DER KRIPPENBESUCH GEBÜHRENFREI

Und siehe da, am Ende des Tagesspiegel-Berichtes fehlt dann auch nicht der Hinweis,  dass die Berliner Koalition „angesichts der großen Bedeutung des Kitabesuchs für die sprachliche und kognitive Entwicklung“  erreichen will, dass mehr Kinder längere Zeit in eine Kita gehen und dass mehr Erzieherinnen für die kleinen Kinder da sind. Daher wurde beschlossen, dass künftig nicht nur der Kita-, sondern auch der Krippenbesuch gebührenfrei sein soll. Nur zur Erinnerung, untersucht wurden 5-jährige Kinder, die man unterscheidet in Gruppen von Kindern, die gar keine Kita besucht haben und Kinder die mindestens zwei Jahre schon in der Kita sind und weil sie 5 sind, noch ein Jahr vor sich haben. Warum Kinder zwischen 1 und 3 nun ebenfalls in die Kita sollen, noch bevor sie überhaupt sprechen oder irgendwas können und ob sie davon profitieren würden, steht auf einem ganz anderen Blatt, wenn man Experten fragt, aber logisch, dass diese Befunde dazu benutzt werden, die Krippe für Kinder unter 3 Jahren gleich noch mit anzupreisen.

Schauen wir also auf die Studie und die Berliner Ergebnisse sind insofern interessant, da die einzelnen Bezirke sich mit ihren sehr homogenen, sozialen Umfeldern gut abgrenzen lassen. Es gibt Stadtteile mit durchweg hohem Sozialstatus und welche mit sehr niedrigem Sozialstatus. Auch die Stadtteile mit hohem Migrationsanteil und niedrigem Migrationsanteil lassen sich genau lokalisieren und bieten so gutes Datenmaterial, inwieweit die einzelnen Faktoren Migrationshintergrund und Sozialstatus den Einfluss auf die Chancen der Kinder erhöhen oder senken.

NUR 10 PROZENT DER KINDER OHNE MIGRATIONSHINTERGRUND HABEN ÜBERHAUPT SPRACHDEFIZITE

Was eindeutig gesagt werden kann, Kinder mit Migrationshintergrund verbessern ihre Sprachfähigkeit, wenn sie eine Kita besuchen. Ohne Kita haben nahezu zwei Drittel dieser Kinder Defizite, mit Kita sinkt dieser Anteil auf nur 3,7 Prozent. Auch Kinder aus Familien mit niedrigem, sozialem Status verbessern ihre Sprachkenntnisse dadurch enorm. 55 Prozent dieser Kinder ohne Kita haben Sprachdefizite, aber nur 8 Prozent der Kinder, die mindestens zwei Jahre die Kita besucht hatten. Interessant ist nun, dass die Sprachdefizite aber vor allem bei Kindern mit Migrationshintergrund auftreten. Nur 10 Prozent der Kinder ohne Migrationshintergrund haben überhaupt Sprachdefizite, hingegen haben 51 Prozent aller Kinder mit Migrationshintergrund eines.

Der soziale Status spricht eine ähnliche Sprache: In niedrigen sozialen Schichten haben 55 Prozent aller Kinder Sprachdefizite, aber nur 8 Prozent der Kinder aus hohem sozialem Status.
Obwohl 78 Prozent aller Kinder mit Migrationshintergrund mindestens 2 Jahre eine Kita besucht haben, sprechen aber 35 Prozent dieser Kinder kein gutes Deutsch. Sprich: Auch die Kita kann nicht final das Problem lösen, dass Kinder aus Haushalten, in denen kein Deutsch gesprochen wird, weiterhin nicht gut im Deutschsprechen sind.

DIE SPRACHLICHE ENTWICKLUNG VON KINDERN HÄNGT WESENTLICH VOM SOZIALEN STATUS DER ELTERN AB

Man kann sagen, dass Kinder aus einem Haushalt mit niedrigem sozialen Status und Migrationshintergrund, was sich oft überschneidet, die größten Defizite haben. Allerdings haben die Kinder mit Migrationshintergrund, deren Eltern sich im sozialen Status hochgearbeitet haben, deutlich weniger Defizite, was der Vergleich der Stadtteile Marzahn-Hellersdorf und Pankow zeigt: In Marzahn gibt es nur eine geringe Migrantenquote aber einen weit verbreiteten niedrigen sozialen Status, 30 Prozent aller Kinder haben hier Sprachdefizite. In Pankow wiederum  ist die Migrantenquote gleich hoch wie in Marzahn, dort haben aber nur 5 Prozent der Haushalte einen niedrigen Status, entsprechend haben nur 10 Prozent der Kinder Sprachdefizite. Der soziale Status macht es also wesentlich aus, wie sich gerade auch Migrantenkinder entwickeln. Deutsche Kinder wiederum sind eher gefährdet, je niedriger der soziale Status ihrer Eltern ist.

Der pauschale Satz zu Beginn des Artikels „Jede Kita ist besser als keine“ kann sich nach diesen Ergebnissen nur auf eines beziehen: Auf Kinder mit Migrationshintergrund und auf Kinder mit Familien, deren Eltern einen geringen sozialen Status haben. Für alle anderen ist nicht erkennbar, dass die Kita insgesamt besser sein sollte als das Elternhaus. Dieser Eindruck bestätigt sich zudem, wenn man Artikel aus anderen Zeitungen dagegen hält. Der leitende Kinderarzt vom Gesundheitszentrum, Matthias Brockstedt, hat im Juni 2015 der Wochenzeitung Die Zeit ausführlich die Erkenntnisse seiner Arbeit erklärt, der Titel dieser Geschichte: „Heimvorteil“.

EKLATANTE WISSENS- UND KOMPETENZUNTERSCHIEDE TROTZ GLEICHEN ALTERS

Das klingt schon ganz anders, als „Die Kita macht den Unterschied“ und das ist es auch inhaltlich. „Herkunft bestimmt die Zukunft“, das ist es, was man bei der Zeit aus den Beobachtungen von Matthias Brockstedt zusammenfasst. Die über 4.000 Kinder, die er in den vergangenen Jahren selbst untersucht hat, weisen trotz gleichen Alters eklatante Wissens- und Kompetenzunterschiede auf. Während die einen noch Strichmännchen malen, können andere bereits das Einmaleins aufsagen. Während die einen mit einem Englischbuch unter dem Arm zur Untersuchung kommen, werden andere Kinder immer noch im Kinderkarren hereingeschoben, obwohl sie seit 5 Jahren laufen können. Dass der soziale Status einen enormen Einfluss auf die Entwicklung der Kinder hat, bestätigt sich auch in Untersuchungen anderer Studien, wie etwa die der Ruhr Universität Bochum im Auftrag der Bertelsmann Stiftung.

Unterteilt man die Kinder in Haushalte mit und ohne Hartz IV-Bezug, haben die Kinder aus dem niedrigen sozialen Status zu 43,3 Prozent Probleme mit der deutschen Sprache, aber nur 14 Prozent der Kinder in gesicherten finanziellen Verhältnissen. Auch Konzentrationsschwierigkeiten und Probleme beim Zählen sind bei diesen Kindern deutlich höher. Die Zeit sagt, bislang habe man die Schulen für diese Chancenungleichheit von Kindern verantwortlich gemacht und Förderunterricht, Ganztagsschulen von der ersten Klasse an gefordert und stellt die richtigen Fragen: „Was aber, wenn all die Reformen der Ungerechtigkeit kaum beikommen können? Warum ist der Einfluss der Eltern auf Lernfreude und Denkvermögen so groß, dass kein Lehrer ihn auch nur halbwegs ausgleichen kann?“

DIE SCHICKSALSJAHRE DES LEBENS

Hier wiederum haben Wissenschaftler wie die Heidelberger Entwicklungspsychologin Sabina Pauen gute Erklärungen. Sie spricht von den Jahren nach der Geburt  als „Schicksalsjahren des Lebens“. In dieser Zeit bilden sich die meisten Nervenverbindungen beim Kind. Und je mehr das Kind angeregt wird, umso besser.

Nicht nur traumatische Erlebnisse oder evidente Vernachlässigung prägen demnach das Denkvermögen. Gleiches gilt für Wörter und Gesten, Blicke und Berührungen, Lieder und Reime, die Eltern in den ersten Lebensjahren tausend- und abertausendfach mit ihrem Kind austauschen – oder eben nicht.

Ich könnte es den Lesern nun ersparen,  es ist der Vollständigkeit halber aber wesentlich, auch wenn es manche nicht gern hören: Die Frage, wieviel Gesten, Berührungen, Blicke und Lieder in einer Gruppe von Krippenkindern unter drei Jahren mit aberwitzig niedrigen Personalschlüsseln, bei dem im Schnitt eine Erzieherin 5-6 Kleinkinder zu betreuen hat, ausgetauscht werden, sollte durchaus eine Rolle spielen, wenn man das als besser, als das Elternhaus darstellt. Untersucht man den Zusammenhang zwischen früher Kindheit und IQ sieht es deutlich aus.

Es zeigt sich: Je unsensibler die Mütter mit ihren Kindern umgehen, je weniger Aufmerksamkeit sie deren Signalen schenken, desto kleiner ist später der IQ der Kinder, desto geringer das Vermögen, sich einer Sache konzentriert zu widmen.

Dass das Vorwissen, das Kinder in eine Kita mitbringen, sich stark je nach sozialem Status unterscheidet, hat wiederum die Bamberger BiKS Studie zutage gebracht. Man untersucht dort „Bildungsprozesse, Kompetenzentwicklung und Selektionsentscheidungen im Vor- und Grundschulalter“ und beobachtete dazu Kinder vom dritten Lebensjahr bis zum Übergang auf die weiterführende Schule. Das Ergebnis:  Schon in der Ausgangssituation bei den Dreijährigen klafften die Fähigkeiten der Kinder je nach sozialem Status weit auseinander. Unabhängig vom Migrationsstatus kannten die Kinder aus höherem sozialem Status im Schnitt doppelt so viele Wörter wie ihre Alterskameraden aus einfachen Familien. Sie konnten komplexere Satzgefüge verstehen und hatten ein höher ausgeprägtes Verständnis von Zahlen, Größen und Formen.

Und das schlimmste ist: Auch die Kita konnte diese Diskrepanz zwischen niedrigem und hohem sozialem Status nicht ausgleichen, stattdessen vergrößert sich der Abstand sogar noch, je nachdem wie gut die Kita fördert. „Matthäus Effekt“ nennen es die Forscher,  frei nach dem Bibelvers aus dem Matthäus-Evangelium: „Denn wer hat, dem wird gegeben.“ Die Kinder mit guten Startvoraussetzungen profitieren noch mehr von der Förderung, weil sie auf enormes Basiswissen zurückgreifen und darauf aufbauen.  Die Forscher sprechen dem „kulturellen Kapital einer Familie“ die größten Auswirkungen auf die intellektuellen Fähigkeiten eines Kindes zu. Dies gilt vor allem für die Bildung der Mutter. Man nennt es das Home-Learning-Environment (HLE), das „Heim-Lern-Umfeld“.  Dabei wird berücksichtigt, wie viele Bücher in einer Familie stehen, was für Spielzeug genutzt wird, ob Dinge wie Museumsbesuche stattfinden, aber auch wie Eltern mit den Kindern spielen oder ihnen vorlesen.

ICH ZITIERE DAZU AUS DER ZEIT:

Hier offenbaren sich unterschiedliche kulturelle Welten: In Familien mit niedrigem HLE-Faktor sprechen die Eltern wenig und häufig in knappen, befehlsartigen Sätzen – eher Kommandos, die keine Antwort erwarten. Ihr Vorlesen ist oft eine kommunikative Einbahnstraße. Die höher gebildeten Eltern dagegen reden pausenlos mit ihren Kindern, auf dem Spielplatz, beim Spazierenfahren mit der Kinderkarre, im Supermarkt, zu Hause beim Tischdecken. Sie bilden grammatikalisch anspruchsvollere Sätze und unterstreichen ihre Worte stärker mit Gesten, sie stellen kniffligere Fragen und regen die Kinder an, in die Zukunft oder Vergangenheit zu schauen. Sie diskutieren früh über Ge- und Verbote und nehmen Bücher zum Anlass, mit dem Kind ins Gespräch zu kommen.

Die amerikanischen Forscher Betty Hart und Todd Risley haben in ihrem Forschungsprojekt versucht, den sprachlichen Heimvorteil bildungsbürgerlicher Kinder konkret zu beziffern. Ihre Studie trägt den Titel: „The Early Catastrophe“, denn die wohlhabenden und gut umsorgten Kinder hören bereits bis zu ihrem 3. Geburtstag 30 Millionen Wörter mehr, als die anderen Kinder. 30. Millionen Wörter. Welche Krippe, welche Kita und welche Ganztagsschule könnten jemals diesen Vorsprung wieder ausgleichen?

DE SOZIALE STATUS UND DIE FRAGE, WELCHEN START ELTERN IHREN KINDERN IN DEN ERSTEN DREI JAHREN GEBEN, IST ENTSCHEIDEND FÜR DEN SPÄTEREN BILDUNGSWEG DER KINDER.

Betrachtet man die Erkenntnisse aus all diesen zitierten Studien und den vielen mehr, die bereits existieren, zeigt sich ein eindeutiges Bild: Der soziale Status und die Frage, welchen Start Eltern ihren Kindern in den ersten drei Jahren geben, ist entscheidend für den späteren Bildungsweg der Kinder. Defizite können kaum aufgeholt werden, Forscher sprechen schon von einem Erfolg, wenn sich der Abstand zwischen den „guten“ und den „schlechten“ Kindern nicht noch mehr vergrößert, als er sowieso schon existiert. Eine Mutter mit guter Bildung ist ein Standortvorteil für ein Kind, den keine Institution der Welt flächendeckend aufholen kann. Die Kita macht eben nicht den Unterschied, es ist das Elternhaus. Es wäre an der Zeit, die frühkindliche Bildung also mal ganz neu zu denken.

Denn wenn das Elternhaus, und was man dort den Kindern an Bildung vermittelt, so stark im Einfluss sind, dass es durch öffentliche Einrichtungen kaum ausgeglichen werden kann, dann sollte sich unsere Energie zur Abwechslung mal auf den Erfolgsfaktor Familie konzentrieren. Statt die Kinder immer früher und immer länger aus den Familien zu drängen, müssen Eltern zu Erziehung gedrängt werden.  Statt für die Eltern diese Aufgabe mit viel Steuergeld zu erledigen, müssen die Elternhäuser, die nicht voll erziehungskompetent sind, es wieder werden. Dazu bräuchten wir aber mehr soziale und pädagogische Arbeit in den Familien, statt außerhalb. Dafür müssten wir wagen, diese Familien zu benennen und unsere Förderung direkt in sie zu stecken, statt indirekt in Institutionen. Dafür müssten wir uns freuen, wenn gerade gut ausgebildete Mütter, die wir gerne nahtlos nach der Geburt  in den Arbeitsmarkt einfädeln, stattdessen ein paar Jahre in ihre Kinder investieren. Genaugenommen, müssten wir genau das Gegenteil von dem tun, was man heute moderne Familienpolitik nennt.